Titel­blatt: Tor­bo­gen inner­halb des Kai­ser­li­chen Guts Cadi­nen (Foto: Tho­mas Hölscher)

Bild­aus­wahl und Tex­te: Erik Fischer
Über­set­zung ins Pol­ni­sche: Joan­na Szkol­ni­cka
Gra­fik: Medi­en­ge­stal­tung Kohlhaas


Ein­zel­blät­ter sind über die Monats­na­men erreichbar


DER WESTPREUSSEN-​KALENDER 2018

»West­preu­ßen« weckt sehr unter­schied­li­che his­to­ri­sche Asso­zia­tio­nen – an die preu­ßi­sche Pro­vinz, die Fried­rich II. 1772 bei der Ers­ten Tei­lung Polens erwarb und der er ein Jahr spä­ter die­sen Namen gab, oder an das Kern­ge­biet des Ter­ri­to­ri­ums, das im Mit­tel­al­ter vom Deut­schen Orden beherrscht wur­de, aber auch an das »König­li­che Preu­ßen« (»Pru­sy Kró­lew­skie«), das für mehr als 300 Jah­re mit der Pol­ni­schen Kro­ne ver­bun­den war.

Zugleich erin­nert »West­preu­ßen« an die ein­schnei­den­den Ver­än­de­run­gen, die das Deut­sche Reich nach dem Ende des Ers­ten Welt­krie­ges hin­neh­men muss­te, aber auch an den »Reichs­gau Danzig-​Westpreußen«, der die Regi­on von 1939 bis 1945 noch­mals zu einer Ver­wal­tungs­ein­heit zusammenzwang.

In der Gegen­wart ist »West­preu­ßen« vor allem eine Erin­ne­rungs­land­schaft für Men­schen, die aus die­ser Regi­on stam­men und für deren Fami­li­en die­ses Land oft jahr­hun­der­te­lang Hei­mat war, und zugleich ist es eine his­to­ri­sche Kate­go­rie, die den heu­ti­gen Bewoh­nern bei ihrer Beschäf­ti­gung mit dem kul­tu­rel­len Erbe und der gemein­sa­men deutsch-​polnischen Geschich­te einen wich­ti­gen Ori­en­tie­rungs­raum eröffnet.

Foto: Paweł Kosikowski 

Die Klotzow-​Brücke über den Stadtsee in Deutsch Krone

In Ost­deutsch­land waren die Win­ter stets stren­ger und län­ger als im Wes­ten des Lan­des. Wenn Ostern im Jah­res­ka­len­der ver­hält­nis­mä­ßig früh lag, konn­te es gesche­hen – wie frü­he­re Bewoh­ner berich­te­ten –, dass sich von der Klotzow-​Brücke aus beson­ders ein­drucks­voll beob­ach­ten ließ, wie gro­ße Eis­schol­len auf dem Radau­nen­see bars­ten, wäh­rend von den Kir­chen der Stadt Deutsch Kro­ne bereits das Fest­tags­ge­läut herüberschallte.

An der schmals­ten Stel­le des Radaunen- bzw. Stadt­sees war im Win­ter 1890/​91 eine höl­zer­ne Fuß­gän­ger­brü­cke erbaut wor­den. Sie ver­band seit­dem den Buch­wald mit dem gegen­über­lie­gen­den Wald­ge­biet, dem »Klot­zow«, der dadurch an das städ­ti­sche Nah­erho­lungs­ge­biet mit sei­nen Spa­zier­we­gen sowie einem Gar­ten­lo­kal und einem Musik­pa­vil­lon ange­schlos­sen wur­de. Der Reiz die­ser Land­schaft inspi­rier­te Her­mann Löns zu einem Bekennt­nis, das er 1891 in den letz­ten Ver­sen sei­nes Gedichts Am Radau­nen­see im Klot­zow abge­legt hat :  »Für einen Abend am Radau­nen­see /​ Gäb’ ich den Rhein mit sei­nen gold­nen Wogen.«

Als spä­ter­hin – wenn­gleich nur für kür­ze­re Zeit – auch noch zwei klei­ne Aus­flugs­damp­fer von der Stadt aus den Buch­wald anfah­ren soll­ten, erwies sich das Bau­werk als zu nied­rig ;  des­halb wur­de 1910 in der Brü­cken­mit­te eine gestuf­te Erhö­hung ange­bracht, die dem Gan­zen eine ori­gi­nel­le und unver­wech­sel­ba­re Form ver­lieh. Sie ver­schwand erst 1978, als die heu­ti­ge, aus Stahl errich­te­te Über­que­rung die alte höl­zer­ne Kon­struk­ti­on ersetzte.

Foto: Andrzej Gilewski 

Blick über die Nogat auf die Marienburg,
die St. Johannes-​Kirche und die Lateinschule

In der zwei­ten Hälf­te des 13. Jahr­hun­derts begann der Deut­sche Orden an der Nogat, einem Mün­dungs­arm der Weich­sel, mit dem Bau einer Burg­an­la­ge. Die­se »Mari­en­burg« ent­wi­ckel­te er, nach­dem der Hoch­meis­ter 1309 sei­nen Sitz von Vene­dig dort­hin ver­legt hat­te, zum Macht- und Ver­wal­tungs­zen­trum sei­nes Herr­schafts­ge­bie­tes und bau­te sie pracht­voll zur größ­ten Land­burg in Euro­pa aus. Die­ses Motiv in einen Westpreußen-​Kalender nicht auf­zu­neh­men, wür­den vie­le wohl für kaum ver­zeih­lich hal­ten, gilt doch die Mari­en­burg gera­de­zu als Inbe­griff für die Geschich­te und Kul­tur des unte­ren Weichsellandes.

Die­ser Erwar­tung zu genü­gen, setzt frei­lich nicht vor­aus, dass auch die all­seits bekann­te Post­kar­ten­an­sicht gebo­ten wird, die den Gebäu­de­kom­plex vom unmit­tel­bar gegen­über­lie­gen­den Fluss­ufer aus zeigt und damit die impo­nie­ren­de Mas­sig­keit und Wehr­haf­tig­keit her­vor­hebt. Statt­des­sen rückt die Mari­en­burg hier stär­ker in die Fer­ne, über­lässt dem klei­nen grü­nen Boot den Vor­der­grund, fügt sich in das Gebäu­de­en­sem­ble des öst­li­chen Nogat-​Ufers ein – und ver­liert dadurch einen Teil ihrer ­las­ten­den Schwe­re und Eindeutigkeit.

Die­se Wir­kung wird noch durch die Ein­bet­tung in die win­ter­lich erstarr­te Land­schaft ver­stärkt. Die Burg, in Polen eines der wich­tigs­ten Aus­flugs­zie­le über­haupt, wird im Som­mer Tag für Tag von Hun­der­ten von Men­schen als tou­ris­ti­sche Sehens­wür­dig­keit bevöl­kert und in Besitz genom­men. Jetzt, bei Eis und Schnee, scheint sie ein­mal zur Ruhe – gleich­sam zu sich selbst – zu kommen.

Foto: Mari­usz Świtulski

Der Neptun-​Brunnen auf dem Langen Markt von Danzig

Der Dan­zi­ger Neptun-​Brunnen ist längst zu einem Wahr­zei­chen der Stadt gewor­den. Kein Besu­cher lässt die Gele­gen­heit aus, die­ses Kunst­werk auf dem Lan­gen Markt zu besu­chen, viel­leicht auch zu ent­de­cken :  sei­nen viel­schich­ti­gen Auf­bau, die Blick­ach­sen, in die es inner­halb des urba­nen Raums ein­ge­bun­den ist, oder sei­ne ver­mit­teln­de Kraft, den Artus­hof und das Recht­städ­ti­sche Rat­haus span­nungs­voll auf­ein­an­der zu beziehen.

Mit die­sem Brun­nen wird 1633 ein archi­tek­to­ni­sches Gesamt­en­sem­ble gekrönt, das aus dem früh­neu­zeit­li­chen Bedürf­nis der Patri­zi­er erwach­sen ist, den Über­fluss an Macht und Reich­tum auch nach außen hin sicht­bar wer­den zu las­sen. Des­halb wohl wur­de 1617 auch der Bau­meis­ter und Bild­hau­er Abra­ham van den Blo­cke mit dem Ent­wurf betraut, der zuvor schon das Spey­mann­haus (das »Gol­de­ne Haus«) errich­tet und den Artus­hof neu­ge­stal­tet hat­te. Bei ihm konn­ten die Auf­trag­ge­ber sicher sein, dass die Men­schen durch sei­ne Wer­ke in Erstau­nen und Bewun­de­rung ver­set­zen würden.

Die­se Absicht wird gewiss bis heu­te erreicht – und kaum ein Besu­cher kann dar­auf ver­zich­ten, den Nep­tun vor den ein­drucks­vol­len Fas­sa­den der Pracht­bau­ten abzu­lich­ten. Gegen­über sol­chen Postkarten-​Motiven erscheint es frei­lich ver­lo­ckend, sich dem Nep­tun – fast ein wenig indis­kret – von der Rück­sei­te her zu nähern, ihn nicht von einer Men­schen­trau­be umringt zu zei­gen und die Auf­merk­sam­keit des Betrach­ters ein­mal auf die Gegen­sei­te des Lan­gen Markts zu lenken.

Foto: Tho­mas Hölscher

Torbogen innerhalb des Kaiserlichen Guts Cadinen

Nach­dem Kai­ser Wil­helm II. das Gut Cadi­nen 1898 als Som­mer­sitz und Jagd­re­vier erwor­ben hat­te, ließ er ein – noch heu­te bestehen­des – Gestüt sowie eine moder­ne Dampf­zie­ge­lei errich­ten. Neben den Fabrik­an­la­gen wur­de eine Mus­ter­sied­lung mit Schu­le, Post­amt und Kran­ken­haus gebaut, so dass der Ort eine in sich geschlos­se­ne Lebens- und Arbeits­welt bot.

Ab 1903 nah­men dort die »König­li­chen Majolika- und Terrakotta-​Werkstätten« die Pro­duk­ti­on von Bau­ke­ra­mik auf, stell­ten in ihren Werk­stät­ten aber auch Zier­ge­fä­ße her. Von 1918 bis 1945 ent­stan­den in einer spe­zi­fi­schen Farb­ge­bung aus Rot­braun, leuch­ten­dem Kobalt­blau und Gold Tafel­ge­schirr und Wand­tel­ler, die – eben­so wie die Tier­plas­ti­ken aus die­ser Manu­fak­tur – am Kunst­markt bis in die Gegen­wart hin­ein respek­ta­ble Prei­se erzielen.

Heu­te steht der Ort unter Denk­mal­schutz, das Schloss ist reno­viert, und in den Wirt­schafts­ge­bäu­den wur­den ein Hotel und ein Restau­rant ein­ge­rich­tet. Den mar­kan­tes­ten Teil des gan­zen Ensem­bles bil­det das Tor­haus. Optisch begrenzt es die Zufahrt, auf die der Betrach­ter des Fotos zurück­blickt. Wenn man es von dort durch­schrit­ten hat, erreicht man den im Bild gezeig­ten, weni­ger reprä­sen­ta­ti­ven Bereich des Guts. Hier befand sich zur Zeit Wil­helms II. die Auto­mo­bil­hal­le, die mit Stell­plät­zen für sechs Autos und einer gut sor­tier­ten Werk­statt den Wün­schen des tech­ni­kaf­fi­nen Mon­ar­chen ent­sprach. Zudem fan­den sich hier Unter­künf­te für das Automobil-​Personal sowie ein unter­ir­di­scher Tank für 2.000 Liter Benzin.

Foto: Tho­mas Hölscher

Die Ostseeküste bei Habichtsberg (Großendorf)

Habichts­berg ist die nörd­lichs­te Sied­lung der ehe­mals west­preu­ßi­schen Ost­see­küs­te und liegt unmit­tel­bar neben Gro­ßendorf, dem Ort, von dem aus sich nach Süd­osten die Halb­in­sel Hela erstreckt. Die Steil­küste bei Habichts­berg lädt dazu ein, ver­son­nen auf die Ost­see zu schau­en, sich von der fried­li­chen Stil­le, der inten­si­ven Far­big­keit und der Wei­te des Mee­res gefan­gen neh­men zu lassen.

Ein ein­zel­ner Fisch­kut­ter auf den Wel­len ver­mag die­ses har­mo­ni­sche Bild male­risch abzu­run­den – erin­nert zugleich aber dar­an, dass in die­ser Regi­on mit ihren Natur­schön­hei­ten wie ihren vie­len tou­ris­ti­schen Ange­bo­ten auch die Fische­rei noch fort­wäh­rend einen wich­ti­gen Wirt­schafts­zweig bil­det :  Gro­ßendorf ver­fügt sowohl über ein See­bad als auch über einen respek­ta­blen Fische­rei­ha­fen ;  und das Wahr­zei­chen der Klein­stadt ist das in den 1950er Jah­ren erbau­te »Haus des Fischers«.

Wer sich für die Ent­wick­lung der Ostsee­fischerei inter­es­siert oder wer ermes­sen will, wie stark der Fisch­fang schon über Jahr­hun­der­te die Exis­tenz der See-​Kaschuben – ihren Lebens­rhythmus, ihre sozia­len Ver­flech­tun­gen wie ihre Riten – bestimmt hat, soll­te das Fische­rei­mu­se­um in Hela bzw. das Muse­um des Put­zi­ger Lan­des in Put­zig besu­chen – und die bis heu­te leben­di­ge Tra­di­ti­on der Fischer­wall­fahrt ken­nen­ler­nen :  Am 29. Juni eines jeden Jah­res zieht von der Halb­in­sel Hela eine Pro­zes­si­on von geschmück­ten Boo­ten nach Put­zig, wo die Wall­fahrt mit einem fei­er­li­chen Got­tes­dienst in der Kir­che St. Peter und Paul ihren Abschluss findet.

Foto: Tho­mas Hölscher

Das vor dem Rathaus errichtete Kopernikus-​Denkmal
auf dem Marktplatz von Thorn

Im all­mäh­lich auf­kom­men­den Natio­na­lis­mus des 19. Jahr­hun­derts bil­de­te die Fra­ge nach der deut­schen oder pol­ni­schen Abkunft von Niko­laus Koper­ni­kus schon früh ein sen­si­bles The­ma ;  und da bereits 1830 in War­schau Ber­tel Thor­vald­sens impo­san­tes Denk­mal für den Astro­no­men ent­hüllt wor­den war, wuchs das Bedürf­nis, ihn auch auf deut­schem Boden in ver­gleich­ba­rer Wei­se zu ehren. 1839, an Koper­ni­kus’ Geburts­tag, dem 19. Febru­ar, grün­de­ten Thor­ner Hono­ra­tio­ren einen »Coppernicus-​Verein«, des­sen ein­zi­ges Ziel es war, dem gro­ßen Sohn der Stadt eben­falls ein Denk­mal zu errichten.

Obwohl die Mit­glie­der bei der Spen­den­samm­lung rasch erfolg­reich waren, gewann das Pro­jekt nur lang­sam deut­li­che­re Kon­tu­ren. Meh­re­re Rat­ge­ber und Instan­zen wur­den betei­ligt, der finan­zi­el­le Rah­men ließ sich nur mit Schwie­rig­kei­ten ein­hal­ten, und vor allem ver­ur­sach­te Chris­ti­an Fried­rich Tieck, der mit dem Ent­wurf betrau­te Bild­hau­er, eine Rei­he von zeit­rau­ben­den Verzögerungen.

Nach­dem der Guss aber Ende 1850 gelun­gen war, Chris­ti­an Dani­el Rauch noch eini­ge Kor­rek­tu­ren vor­ge­nom­men hat­te und die von Wil­helm IV. gut­ge­hei­ße­ne Inschrift in den Gra­nit­so­ckel ein­ge­mei­ßelt war, konn­te das Denk­mal end­lich am 25. Okto­ber 1853 ein­ge­weiht wer­den. Unge­ach­tet aller ästhe­ti­schen Debat­ten, die sich damals an Tiecks Arbeit ent­zün­de­ten, ist die klas­si­zis­tisch mit einer Toga umhüll­te Sta­tue des Koper­ni­kus seit­dem eben­so wenig aus dem Stadt­bild Thorns weg­zu­den­ken wie der mäch­tig dahin­ter auf­ra­gen­de Turm des Rathauses.

Foto: Bea­ta Cho­ję­ta /​ Agen­cia STYL 

Partie des Kaschubischen Ethnographischen Parks in Wdzidzen

Nur gut 15 Kilo­me­ter von Berent ent­fernt, liegt male­risch das Kaschu­bi­sche Eth­no­gra­phi­sche Frei­licht­mu­se­um von Wdzid­zen an dem gleich­na­mi­gen See. Sei­nen Besu­chern eröff­net es man­nig­fal­ti­ge Mög­lich­kei­ten, sich detail­liert mit der Bau- und All­tags­kul­tur der Kaschub­ei ver­traut zu machen.

Auf einer Flä­che von immer­hin 22 Hekt­ar bie­tet der Muse­ums­park ein reich­hal­ti­ges Ensem­ble von Gebäu­den :  Katen und Bau­ern­häu­ser mit Stäl­len und Scheu­nen fin­den sich eben­so wie Wind­müh­len, eine Schmie­de oder ande­re Werk­stät­ten. Hin­zu kom­men zwei Kir­chen, und auch eine Dorf­schu­le fehlt nicht. Vie­le die­ser Objek­te ver­fü­gen über ori­gi­nal­ge­treu nach­ge­bil­de­te Innen­räu­me mit authen­ti­scher Aus­stat­tung. Die­se bald 50 Gebäu­de zeu­gen vom Reich­tum und der Viel­falt der kaschu­bi­schen Dorf­ar­chi­tek­tur aus der his­to­ri­schen Span­ne zwi­schen dem 18. und dem 20. Jahrhundert.

Gegrün­det wur­de das Muse­um bereits 1906 von Isi­dor Gul­gow­ski und sei­ner Ehe­frau Theo­do­ra, geb. Feth­ke, die es in einer aus dem 18. Jahr­hun­dert stam­men­den Bau­ern­hüt­te ein­rich­te­ten und dort eine Samm­lung von Werk­zeu­gen und Gerä­ten sowie von Kera­mik, mit Gold­fä­den bestick­ten Hau­ben und auf Glas gemal­ten Bil­dern zusam­men­tru­gen. Mit ihren volks­kund­li­chen For­schun­gen und ihrer Lei­den­schaft für die Erschei­nungs­for­men der kaschu­bi­schen Kul­tur för­der­ten sie über­dies die Ent­wick­lung des hei­mi­schen Hand­werks und ermu­tig­ten die Bevöl­ke­rung dazu, sich selbst­be­wusst mit den eige­nen künst­le­ri­schen Tra­di­tio­nen zu beschäftigen.

Foto: Til­man Asmus Fischer

Blick über den Großen Kloster-​See
zur Mariä-​Himmelfahrt-​Stiftskirche in Karthaus

Am Ufer des Klos­ter­sees, der sich von Kart­haus aus in nörd­li­cher Rich­tung aus­dehnt, ist ein Spa­zier­weg ange­legt. Er bie­tet eine Rei­he von Mög­lich­kei­ten, auf das Kir­chen­ge­bäu­de der ehe­ma­li­gen, 1380 gegrün­de­ten Kar­tau­se »Mari­en­pa­ra­dies« zurück­zu­bli­cken und all­mäh­lich zu beob­ach­ten, wie der Ufer­strei­fen im Gegen­licht immer stär­ker den Ein­druck einer rei­nen Sil­hou­et­te gewinnt. 

Trotz grö­ße­rer Ent­fer­nung lässt sich auch wei­ter­hin noch die eigen­wil­li­ge Form des Kir­chen­dachs erken­nen, bei dem der First nicht als Kan­te, son­dern als waa­ge­rech­te Flä­che aus­ge­legt ist – gera­de wie bei einem Sarg­de­ckel, des­sen Kon­tu­ren hier bei bau­li­chen Ver­än­de­run­gen in den Jah­ren von 1731 bis 1733 tat­säch­lich als Vor­bild gedient haben. Auf die­se Wei­se konn­ten die Kar­täu­ser das Mot­to ihres Ordens – Memen­to mori (Geden­ke des Todes) – bereits mit archi­tek­to­ni­schen Mit­teln weit­hin sinn­fäl­lig wer­den lassen. 

Der Orden, der in Preu­ßen­land nur die­ses eine – etwa 40 Kilo­me­ter west­lich von Dan­zig gele­ge­ne – Klos­ter errich­te­te, hat Kart­haus den Namen gege­ben, und sein heral­di­sches Sym­bol der sie­ben Ster­ne fin­det sich auch auf dem Wap­pen der Stadt. Ansons­ten sind die Ver­bin­dun­gen aller­dings äußerst locker :  Erst nach der Auf­he­bung des Klos­ters im Jah­re 1826 begann die behut­sa­me Ent­wick­lung der heu­ti­gen »Haupt­stadt der Kaschub­ei«, die noch bis 1923 dar­auf war­ten muss­te, dass ihr – nun vom pol­ni­schen Staat – über­haupt das Stadt­recht ver­lie­hen wurde. 

Foto: Tho­mas Hölscher 

Ruine der Deutschordensburg Rehden

Einen beson­de­ren Anzie­hungs­punkt des Deutsch­or­dens­mu­se­ums in Bad Mer­gen­theim (BW) bil­det ein groß­maß­stäb­li­ches Modell der Burg Reh­den, die der Orden an der Stel­le eines höl­zer­nen Vorgänger-​Bauwerks um 1300 aus Back­stein errich­tet hatte.

Wer in Erin­ne­rung an die­ses Modell die – 20 Kilo­me­ter süd­öst­lich von Grau­denz gele­ge­ne – Burg in ihrem heu­ti­gen Zustand besich­tigt, wird in beson­de­rem Maße die Ver­lus­te ermes­sen kön­nen, die ihr durch die Zer­stö­run­gen wäh­rend des Zwei­ten Nor­di­schen Krie­ges (1655–1660) und der anschlie­ßen­den, bis 1887 andau­ern­den Pha­se des Ver­falls zuge­fügt wor­den sind. Vom Berg­fried, der, links vom Betrach­ter, einst aus dem Haupt­haus her­aus­rag­te, oder vom »Dans­ker«, der, etwas wei­ter rechts, sepa­rat vor dem Gebäu­de stand, sind kei­ne Relik­te mehr zu sehen, und die äuße­ren Mau­ern im Vor­der­grund der Auf­nah­me gehö­ren zu den weni­gen Res­ten, die von die­sen Ein­frie­dun­gen über­haupt noch erhal­ten sind.

Die vom Foto­gra­fen gewähl­te Per­spek­ti­ve auf den süd­west­li­chen Eck­turm, der eben­so wie sein Pen­dant noch voll­stän­dig erhal­ten ist, gibt zugleich aber auch den Blick auf die Süd­fas­sa­de mit dem reprä­sen­ta­ti­ven Por­tal frei. Die­se kei­nes­wegs voll­stän­di­ge, aber doch geschlos­sen wir­ken­de Sei­te ver­leiht der Rui­ne im Kon­trast mit dem Frag­men­ta­ri­schen der übri­gen Par­tien etwas Monu­men­ta­les, Über­wäl­ti­gen­des :  Die Burg erscheint als archi­tek­to­ni­sches Zeug­nis für das Wir­ken und die – wohl­ge­merkt ver­gan­ge­ne – Macht des Deut­schen Ordens kaum weni­ger authen­tisch denn die Marienburg.

Foto: Marek­ka /​ Ado­be Stock 

Der Oberländische Kanal bei Buchwalde

Bei Luft­auf­nah­men gewinnt die abge­lich­te­te Natur leicht auch Züge eines Kunst­werks : Wird unser Blick nicht inten­siv von dem Bogen­seg­ment ange­zo­gen, das rechts die Bild­flä­che exzen­trisch teilt ?  Voll­zieht sich vor unse­ren Augen nicht ein fas­zi­nie­ren­des Farben-​Spiel mit fei­nen Kon­tras­ten und inter­nen Differenzierungen ?

Gera­de solch ein Foto benö­tigt aller­dings eine genaue­re Kom­men­tie­rung ;  denn es ist bereits als Reprä­sen­ta­ti­on des Ober­län­di­schen Kanals unge­wöhn­lich :  Statt spek­ta­ku­lä­rer Moti­ve wie Seil­schei­ben oder über Land fah­ren­der Schif­fe wird ledig­lich die Kanal­aus­fahrt am Ende des fünf­ten – und letz­ten – Roll­bergs, dem­je­ni­gen von Buch­wal­de, gezeigt. Zudem liegt die­ser Ort auch noch auf ost­preu­ßi­schem Gebiet. Es mag aber trotz­dem legi­tim sein, die­se fest mit Elbing asso­zi­ier­te Was­ser­stra­ße, den »Elbin­ger Kanal«, im west­preu­ßi­schen Kon­text zu berücksichtigen.

Über­dies steht das Bild exakt »auf dem Kopf« :  Die Sei­te des Roll­bergs liegt im Nor­den, die Kanal­aus­fahrt hin­ge­gen im Süden. Wür­de das Foto die­se Ver­hält­nis­se aller­dings wirk­lich­keits­ge­treu wider­spie­geln, ver­lö­re es zugleich wesent­li­che Momen­te sei­ner ästhe­ti­schen Qua­li­tä­ten. Die unge­stör­te Har­mo­nie der Far­ben und For­men hat letzt­lich auch begrün­det, war­um hier einer etwas älte­ren Auf­nah­me der Vor­zug gege­ben wor­den ist – auf der die Ver­än­de­run­gen durch die jüngs­ten, ab 2013 vor­ge­nom­me­nen Reno­vie­run­gen, vor allem die auf­fäl­li­ge Moder­ni­sie­rung der Ufer­we­ge und der klei­nen Brü­cke, qua­si noch aus­ge­blen­det bleiben.

Foto: Karo­li­na Soitz

Blick über den Wehrgraben auf die
Parkansicht von Schloss Krockow

Nörd­lich von Neu­stadt, und nur weni­ge sie­ben Kilo­me­ter vom Ost­see­strand ent­fernt, liegt das Dorf Krock­ow, das den Mit­tel­punkt der gleich­na­mi­gen Gemein­de bil­det und heu­te zum Kreis Put­zig gehört. Zu den Sehens­wür­dig­kei­ten des Ortes zählt neben der ehe­mals evan­ge­li­schen Kir­che, die von der Guts­herr­schaft in der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts gestif­tet wur­de, vor allem das Schloss.

Es war bis 1945 der Sitz der Adels­fa­mi­lie von Krock­ow, die bereits im letz­ten Drit­tel des 13. Jahr­hun­derts urkund­lich erwähnt wor­den ist. Ein ers­ter Bau wur­de zwi­schen dem 14. und dem 15. Jahr­hun­dert errich­tet. Gegen Ende des 18. Jahr­hun­derts erhielt das Schloss dann mit einer drei­flü­ge­li­gen Anla­ge sein heu­ti­ges Aus­se­hen. Zu die­ser Zeit ver­wan­del­te die dama­li­ge Grä­fin, Lui­se von Krock­ow, den Park des Anwe­sens phan­ta­sie­voll in einen höchst abwechs­lungs­rei­chen Land­schafts­gar­ten, der in naher Zukunft zumin­dest in Tei­len wie­der­erste­hen soll.

Nach­dem die Fami­lie ihren Besitz ver­lo­ren hat­te, ver­fiel das Schloss und konn­te erst dank der – zu die­sem Zweck ins Leben geru­fe­nen – Stif­tung Euro­päi­sche Begeg­nung /​ Kaschu­bi­sches Kul­tur­zen­trum zwi­schen 1990 und 1993 wie­der­auf­ge­baut wer­den. Seit­dem beher­bergt die­ses Klein­od der nörd­li­chen Kaschub­ei ein Hotel. – Zudem betreibt die Stif­tung am Ran­de des Schloss­ge­län­des das Regio­nal­mu­se­um Krock­ow, das mit dem West­preu­ßi­schen Lan­des­mu­se­um im west­fä­li­schen Waren­dorf kooperiert.

Foto: Mirosław Gawroński 

Die Domburg Marienwerder

In unzäh­li­gen Auf­nah­men ist die Dom­burg Mari­en­wer­der von Wes­ten, vom Tal der Weich­sel aus, abge­lich­tet wor­den. Gera­de­zu über­wäl­ti­gend wirkt in die­ser Per­spek­ti­ve das mäch­ti­ge Ensem­ble aus Schloss und Dom, das zwi­schen 1322 und 1384 am hohen Ufer über Lie­be und Nogat errich­tet wor­den ist. Ins­be­son­de­re ver­mag dann der »Dans­ker«, die ­Toi­let­ten­an­la­ge der Burg, zu beein­dru­cken, denn des­sen mäch­ti­ger Turm ragt – dem Betrach­ter ent­ge­gen – am Ende eines Ver­bin­dungs­gangs mehr als 60 Meter ins Land hinaus.

Dank der Drohnen-​Technik ist es inzwi­schen aber mög­lich gewor­den, von dem Gesamt­kom­plex ein ande­res Bild zu gewin­nen. Die erhöh­te Per­spek­ti­ve erlaubt es bei­spiels­wei­se, rechts, an der Nord­sei­te der Burg, die gewal­ti­ge Por­tal­ni­sche für das Fall­git­ter und gleich­zei­tig links, hin­ter dem Chor, eine Stra­ßen­zei­le der all­mäh­lich wie­der­erste­hen­den Alt­stadt zu betrach­ten. Dom und Schloss wer­den in eins über­schau­bar, so dass die Dop­pel­funk­ti­on des Glo­cken­turms, der zugleich der Haupt­turm der Burg ist, prä­gnant her­vor­tritt ;  und nicht zuletzt öff­net sich nun auch der Blick in die atem­be­rau­ben­de Wei­te der Weichsel-Ebene.

Von die­ser Höhe aus ver­mag jede Luft­auf­nah­me bereits einen Ein­druck von Erha­ben­heit zu ver­mit­teln. Wenn sie dann auch noch den ange­strahl­ten Dom in den Abend­stun­den zeigt, scheint sie dazu prä­de­sti­niert zu sein, unse­re Advents­zeit zu beglei­ten und den Ziel­punkt des Weges zu bil­den, den der Westpreußen-​Kalender in die­sem Jahr durch das unte­re Weich­sel­land genom­men hat.

Die pol­ni­schen Text fin­den sich hier.