Titel­blatt: Blick auf die Dan­zi­ger Lan­ge Brü­cke vom Kran­tor zum Mari­en­tor mit dem dahin­ter auf­ra­gen­den Gebäu­de der Natur­for­schen­den Gesell­schaft bis zum Grü­nen Tor. (Foto: Maciek Nic­gor­ski, shutterstock)

Bild­aus­wahl und Tex­te: Erik Fischer
Über­set­zung ins Pol­ni­sche: Joan­na Szkol­ni­cka
Gra­fik: Medi­en­ge­stal­tung Kohlhaas


Ein­zel­blät­ter sind über die Monats­na­men erreichbar


Einführung Westpreußen-Kalender 2019

DER WESTPREUSSEN-​​KALENDER 2019

Dan­zig und das Land an der unte­ren Weich­sel – mit den UNESCO-​​Welterbestätten Mari­en­burg und Thorn – bil­den höchst belieb­te Rei­se­zie­le. Besu­cher sto­ßen dann rasch dar­auf, dass die­se Land­schaft auch mit der deut­schen Geschich­te ver­bun­den ist, bis 1920 »West­preu­ßen« hieß und für Deut­sche wie Polen einen wich­ti­gen Erin­ne­rungs­ort bil­det :  Hier befand sich bei­spiels­wei­se das Kern­ge­biet des Ter­ri­to­ri­ums, das im Mit­tel­al­ter vom Deut­schen Orden beherrscht wur­de, und gera­de hier muss­te das Deut­sche Reich nach dem Ers­ten Welt­krieg ein­schnei­den­de ter­ri­to­ria­le Ver­än­de­run­gen hinnehmen.

In der Gegen­wart ist »West­preu­ßen« vor allem eine Erin­ne­rungs­land­schaft für Men­schen, die aus die­ser Regi­on stam­men und für deren Fami­li­en die­ses Land oft jahr­hun­der­te­lang Hei­mat war ;  und zugleich ist es eine his­to­ri­sche Kate­go­rie, die den heu­ti­gen Bewoh­nern bei ihrer Beschäf­ti­gung mit dem kul­tu­rel­len Erbe und der gemein­sa­men deutsch-​​polnischen Geschich­te einen wich­ti­gen Ori­en­tie­rungs­raum eröffnet.

Foto: Roman Ste­kow­ski, Wiki­me­dia CC 

Wehrspeicher und Wassertor in Graudenz

Wenn ein Künst­ler den Auf­trag erhiel­te, ein mythisch anmu­ten­des Bild einer mit­tel­al­ter­li­chen Stadt zu ent­wer­fen, die unein­nehm­bar und erha­ben wirkt, den Betrach­ter aber auch anzieht und zum Betre­ten die­ser geheim­nis­vol­len Welt ver­lockt – dann könn­te die­ser Künst­ler sei­ne Phan­ta­sie schwei­fen las­sen und einen mäch­ti­gen, gestaf­fel­ten Kom­plex von wehr­haf­ten Bau­wer­ken zeich­nen, hin­ter dem sich Kirch­tür­me erhe­ben ;  er könn­te am Ende einer brei­ten Ram­pe ein Tor als Sym­bol der Zugäng­lich­keit wie der Abschot­tung vor­se­hen und schließ­lich, um das Traumhaft-​​­Entrückte des Sze­na­ri­ums noch stär­ker zu akzen­tu­ie­ren, die Natur im Frost erstar­ren las­sen und alles in ein winterlich-​​fahles Licht tau­chen. Das Ergeb­nis solch eines frei­en krea­ti­ven Gestal­tens könn­te somit dem foto­gra­fi­schen Abbild von Grau­denz durch­aus nahekommen.
Die­ses klei­ne Gedan­ken­spiel dürf­te zuläng­lich ver­deut­li­chen, in welch hohem Maße gera­de die Süd-​​West-​​Ecke der Stadt einer idea­len Vor­stel­lung vom „fer­nen“ Mit­tel­al­ter ent­spricht. Die par­al­lel zur Weich­sel ver­lau­fen­de Befes­ti­gungs­an­la­ge der impo­san­ten Wehr­spei­cher und das „Was­ser­tor“ gehö­ren zu den letz­ten Relik­ten, die noch von den ursprüng­li­chen, vom Deut­schen Orden errich­te­ten Bau­ten kün­den ;  und die­ses cha­rak­te­ris­ti­sche Ensem­ble hat für Grau­denz längst eine iden­ti­täts­stif­ten­de Bedeu­tung gewon­nen – gehör­te das Was­ser­tor doch bezeich­nen­der­wei­se zu den ers­ten Archi­tek­tur­denk­mä­lern, die nach dem Zwei­ten Welt­krieg in der schwer geschun­de­nen Stadt rekon­stru­iert wor­den sind.

Vom Berg­fried aus betrach­tet, wirkt die ver­schnei­te Alt­stadt, aus der die Turm­hau­be des Rat­hau­ses, des ehe­ma­li­gen Jesui­ten­kol­legs, und der von einer Later­ne gekrön­te Turm der Pfarr­kir­che St. Niko­laus her­vor­ra­gen, gleich­sam ver­dich­tet, und erst recht beein­druckt jetzt die impo­san­te Höhe der Wehr­spei­cher, die bis zum Fluss­ufer hin­un­ter­rei­chen. Schließ­lich lässt sich in die­ser Per­spek­ti­ve son­der­lich gut erken­nen, was für ein mäch­ti­ges tech­ni­sches Bau­werk die – mit ihrem Spie­gel­bild sche­men­haft im Bild­mit­tel­grund auf­tau­chen­de – Grau­den­zer Weich­sel­brü­cke darstellt.

Foto: Witold Sadow­ski, por​tEl​.pl

Blick vom Turm der Elbinger Nikolaikirche

Vom Turm der St.-Nikolai-Kirche aus fal­len beim Blick auf Elbing in nord­öst­li­cher Rich­tung sogleich eini­ge mar­kan­te Merk­punk­te der Stadt ins Auge. Im obe­ren Bild­feld steht links das lang­ge­streck­te rote Ver­wal­tungs­ge­bäu­de der frü­he­ren Schichau-​​­Werke. Davor erhebt sich das Markt­tor, das Wahr­zei­chen der Stadt. Rechts davon erheischt die nach der Reno­vie­rung in leuch­ten­dem Gelb erstrah­len­de Kaiserin-​​Auguste-​​Viktoria-​​Schule Auf­merk­sam­keit. Am obe­ren rech­ten Bild­rand ragt der Turm der frü­he­ren Heinrich-​​von-​​Plauen-​​­Schule her­vor. In der Mit­te der ­rech­ten Bild­hälf­te liegt am groß­zü­gig dis­po­nier­ten Friedrich-​​­Wilhelm-​​Platz der turm­be­wehr­te Kom­plex der Haupt­post, wäh­rend die rech­te unte­re Bil­de­cke schließ­lich vom 2010 errich­te­ten Neu­bau des (1777 abge­brann­ten) Alt­städ­ti­schen Rat­hau­ses domi­niert wird.

Von der hohen War­te des Kirch­turms aus wer­den frei­lich nicht nur Erin­ne­run­gen an Gebäu­de und Orte wach, son­dern etwas älte­re Betrach­ter dürf­ten auch immer noch ins Stau­nen dar­über kom­men, die Alt­stadt über­haupt wie­der­erstan­den zu sehen. Erst seit rela­tiv kur­zer Zeit wer­den hier voll­stän­di­ge Kar­rees gebaut, die dann zwar den Maßen der alten ­Fun­da­men­te fol­gen, deren Gebäu­de aber archi­tek­to­nisch frei­er ent­wor­fen und nicht im stren­gen Sin­ne rekon­stru­iert wer­den. Statt­des­sen erschei­nen – wie der Rathaus-​​Neubau exem­pla­risch zeigt – wie­der­erkenn­ba­re Vorgänger-​​Strukturen ­geschickt in post­mo­der­ne Gestal­tungs­prin­zi­pi­en über­setzt. Elbing erweist sich aus die­ser Per­spek­ti­ve somit als ein wahr­haf­ti­ger Phoenix.

Foto: Scor­pion­pl, Dream​sti​me​.com

Die Dirschauer Brücke

Die rech­te der bei­den abge­bil­de­ten Brü­cken wur­de am 18. Okto­ber 1857 dem Eisen­bahn­ver­kehr über­ge­ben. Sie war mit einer Län­ge von 837 Metern die ers­te weit­ge­spann­te eiser­ne Bal­ken­brü­cke des euro­päischen Fest­lan­des und galt mit Recht als Pio­nier­leis­tung. Fol­ge­rich­tig wur­de sie 2004 auch in die inter­na­tio­na­le Lis­te der Ingenieur-​​­Baudenkmäler aufgenommen.

Die stau­nens­wer­ten Dimen­sio­nen las­sen sich gera­de aus der hier gewähl­ten Per­spek­ti­ve wahr­neh­men :  Erst in gro­ßer Ent­fer­nung tau­chen die noch übrig­ge­blie­be­nen zin­nen­be­wehr­ten Tür­me auf, mit denen der Schinkel-​​Schüler Fried­rich August Stü­ler das Bau­werk einst geschmückt hat­te. Bis heu­te sind sie es, die sonst – wenn der Blick von Dir­schau aus dia­go­nal auf die Brü­cke gerich­tet wird – den macht­vol­len Ein­druck die­ser küh­nen Kon­struk­ti­on dominieren.

Mit ihr war es gelun­gen, beim Bau der Ost­bahn auch die gewal­ti­ge Weich­sel zu über­brü­cken. Dabei muss­te Carl Lent­ze, der die­se Auf­ga­be gelöst hat, nicht nur als Bau­meis­ter wir­ken, son­dern zugleich auch die nun not­wen­dig gewor­de­nen Strom- und Deich­re­gu­lie­run­gen vor­neh­men. Jen­seits ihrer Bedeu­tung für das 19. Jahr­hun­dert ver­bin­det sich mit die­ser Brü­cke frei­lich auch die Erin­ne­rung, dass sie Jahr­zehn­te nach ihrer Fer­tig­stel­lung für eini­ge Zeit von pol­ni­schem Staats­ge­biet zur Frei­en Stadt Dan­zig führ­te und 1939 sowie 1945 jeweils aus stra­te­gi­schem Kal­kül zer­stört wur­de. Nicht zuletzt dadurch ist sie zu einem zen­tra­len Monu­ment der deutsch-​​polnischen Geschich­te West­preu­ßens geworden.

Foto: Wojciech Krefft

Vorlaubenhaus in Prinzlaff /​​ Gem. Steegen

Die Bau­wei­se des Vor­lau­ben­hau­ses hat sich vor­nehm­lich öst­lich der Elbe ver­brei­tet und tritt dort in unter­schied­li­chen Land­stri­chen auf. In der Weich­sel­nie­de­rung wur­de sie bei Bau­ern­häu­sern aller­dings so häu­fig ange­wandt, dass sie mitt­ler­wei­le als Cha­rak­te­ris­ti­kum fest mit die­ser Regi­on asso­zi­iert erscheint.

Die nach drei Sei­ten hin offe­ne Vor­lau­be, das bestim­men­de Merk­mal die­ses Bau­typs, steht in der Regel im rech­ten Win­kel zum Haupt­ge­bäu­de, häu­fig in des­sen Mit­te, und weist die glei­che First­hö­he wie die­ses auf. Gestützt wird sie von zwei bis zu neun Stän­dern, deren Anzahl und kunst­vol­le Aus­ge­stal­tung mit Schnitz­werk natur­ge­mäß vom Reich­tum der Besit­zer abhin­gen – und frei­lich auch davon zeu­gen soll­ten. Zudem wur­de auf die Ver­zie­rung der Gie­bel durch ein har­mo­ni­sches Arran­ge­ment der Stä­be, Stre­ben und Rie­gel sowie durch orna­men­tal ein­ge­setz­te gebo­ge­ne Höl­zer beson­de­rer Wert gelegt. 

Die Vor­tei­le der Bau­form las­sen sich vor allem dar­in sehen, dass sich das Korn über eine Luke zum Trock­nen und Lagern leicht nach oben trans­por­tie­ren ließ und die Wagen vor der Fahrt zum Markt eben­so pro­blem­los wie­der bela­den und wit­te­rungs­ge­schützt abge­stellt wer­den konnten. 

Über län­ge­re Zeit waren die Vor­lau­ben­häu­ser vom Ver­fall bedroht. Dass sie unter Denk­mal­schutz gestellt wur­den, hielt auf­grund der damit ver­bun­de­nen Auf­la­gen die Nach­fra­ge von Inves­to­ren in Gren­zen. Inzwi­schen aber fin­den sich des Öfte­ren Lieb­ha­ber, die sich die­ser Gebäu­de anneh­men und sie regel­ge­recht restau­rie­ren und renovieren.

Foto: Dani­el Pach

Die Drewenz östlich von Gollub

Beim Blick auf die Mäan­der, die von der Dre­wenz gebil­det wer­den, schei­nen die Gren­zen zwi­schen Natur und Kunst durch­läs­sig zu wer­den. Die har­mo­ni­schen Lini­en­ver­läu­fe und Schwin­gun­gen sowie das Wech­sel­spiel der Flä­chen und Far­ben erin­nert an For­men und Struk­tu­ren, die sich sonst einem künst­le­ri­schen Gestal­tungs­wil­len ver­dan­ken. Dabei ver­hilft die erhöh­te Drohnen-​​­Perspektive ins­be­son­de­re dazu, die­se ästhe­ti­schen Zusam­men­hän­ge deut­li­cher wahr­zu­neh­men. Der Grund für die­ses fas­zi­nie­ren­de „Werk“ der Natur liegt bekannt­lich dar­in, dass sich das Sohl­ge­fäl­le eines Flus­ses ver­rin­gert und dadurch – wie es J. G. Bujack 1838 in einem Bei­trag für den 20. Bd. der Preuß. Provinzial-​​­Blätter for­mu­liert – „die Ufer bedeu­tend ange­grif­fen wer­den, und der Fluß zur Errei­chung des Behar­rungs­zu­stan­des zu ser­pen­ti­ni­ren strebt.“

Der Fluss, der süd­west­lich von Hohen­stein ent­springt und bis zur Mün­dung in die Weich­sel gut 250 Kilo­me­ter zurück­legt, bil­det die Lebens­ader des süd­öst­li­chen West­preu­ßen. An ihm lie­gen die Kreis­städ­te Neu­mark, Stras­burg und Gollub. Die Bedeu­tung als Was­ser­ver­kehrs­weg – vor allem für die Holz­flö­ße­rei – ging nach dem Bau des Ober­län­di­schen Kanals in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts zurück. So konn­ten sich die natür­li­chen Gege­ben­hei­ten wie­der rela­tiv frei ent­fal­ten – und heu­te prägt das „Ser­pen­ti­nie­ren“ der Dre­wenz eine male­ri­sche Fluss­land­schaft, die schon seit län­ge­rem für Ang­ler wie für Kanu-​​­Sportler eine hohe Attrak­ti­vi­tät gewon­nen hat.

Foto: BE&W agen­c­ja foto­gra­ficz­na Sp. z o. o., Ala­my Stock Foto 

Brunnen auf dem Marktplatz von Konitz

In der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts fand das Städt­chen Konitz öko­no­misch und sozi­al all­mäh­lich Anschluss an die Moder­ne. Trot­toirs wur­den gepflas­tert, die Häu­ser erhiel­ten Wasser- und Elek­tri­zi­täts­an­schlüs­se, und 1901/​​02 wur­de im neo­go­ti­schen Stil ein neu­es Stadt­haus errich­tet. Der luxu­riö­se Gedan­ke, vor die präch­ti­ge Fas­sa­de nun auch noch ein Brun­nen zu stel­len und die städ­te­bau­li­chen Inno­va­tio­nen dadurch zu krö­nen, kam den Ver­ant­wort­li­chen zu die­ser Zeit aller­dings noch nicht.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de dann vor dem Rat­haus zwar, ein­ge­fasst in ein Geviert nied­ri­ger Begren­zungs­mau­ern, ein schlich­ter Quell­stein­brun­nen errich­tet ;  zur vol­len Ent­fal­tung kam die­ses Kon­zept aber erst, als 2002 ein neu­es, auf­wän­di­ges Was­ser­spiel fer­tig­ge­stellt wur­de, das der Schlochau­er Bild­hau­er Zbi­gniew Janu­szew­ski (1949–2018) gemein­sam mit dem 1978 gebo­re­nen Konit­zer Künst­ler Jaros­ław Urbań­ski ent­wor­fen hatte.

Die bei­den waren über­ein­ge­kom­men, den Sockel, die tra­gen­de Säu­le und die Becken aus Sand­stein und die Skulp­tu­ren aus Bron­ze her­zu­stel­len. Bei der Gestal­tung lie­ßen sie sich von der Grund­vor­stel­lung eines Johannis­festes lei­ten :  Ausgelassen-​​heiter, selbst­be­wusst, spielerisch-​​gelöst und durch­aus ver­füh­re­risch erschei­nen, umhüllt von iri­sie­ren­den Was­ser­schlei­ern und inmit­ten der Fon­tä­nen, drei Frau­en­fi­gu­ren, die im Moment gra­zi­ler, tän­ze­ri­scher Bewe­gun­gen fest­ge­hal­ten wor­den sind – und seit­dem nun die Bli­cke der Vor­über­ge­hen­den auf sich ziehen.

Foto: Dario­Sz, depositphotos

Die Altstadt von Mewe

Der Wunsch, einen Ort zu fin­den, der noch unver­fälscht den Ein­druck einer Sied­lung aus der Ordens­zeit ver­mit­telt, dürf­te sich in Mewe erfül­len. An einem Hang gele­gen, der an der Mün­dung der Fer­se in die Weich­sel zu bei­den Flüs­sen hin abfällt, bie­tet die Alt­stadt ein geschlos­se­nes Bild mit­tel­al­ter­li­cher Bebauung.

Auf der lin­ken Sei­te – im Wes­ten – erhebt sich die Pfarr­kir­che St. Niko­laus. Sie ent­stand in der ers­ten Hälf­te des 14. Jahr­hun­derts, nach der zeit­ge­mä­ßen Bau­wei­se aus Back­stein und – vor allem an den Gie­beln – mit dem bele­ben­den Wech­sel von rotem Zie­gel und weiß ver­putz­ten Blen­den ver­ziert. Im Osten domi­niert die Ehr­furcht ein­flö­ßen­de Deutsch­or­dens­burg, die eben­falls im Lau­fe des 14. Jahr­hun­derts fer­tig­ge­stellt wur­de. Auf der rech­ten Sei­te schlie­ßen sich zudem noch Wirt­schafts­ge­bäu­de an.

Hier, im Bereich der Vor­burg, hat sich der pol­ni­sche König Johann III. Sobie­ski in der zwei­ten Hälf­te des 17. Jahr­hun­derts ein – sti­lis­tisch dem Umfeld ange­pass­tes – Schloss errich­ten las­sen. Zudem stammt der obe­re Teil des Turms von St. Niko­laus aus dem 19. Jahr­hun­dert, und 1856 wur­de der mäch­ti­ge Berg­fried der Burg, die damals als Zucht­haus dien­te, durch einen klei­nen, vier­ten Turm ersetzt. Schließ­lich wur­de das Gebäu­de nach einem ver­hee­ren­den Brand (1921) ins­ge­samt erst seit den 1970er Jah­ren wie­der­her­ge­stellt. So ist es nicht zuletzt der spä­te­ren Bau­ge­schich­te mit ihren Abrun­dun­gen, Ein­grif­fen und Rekon­struk­tio­nen zu dan­ken, dass Mewe dem Betrach­ter heu­te ein der­art stim­mi­ges und „authen­ti­sches“ Stadt­bild darbietet.

Foto: Ursu­la Enke

Das frühere Keyserlingk-​​Palais in Neustadt

Bei sonnig-​​warmem Wet­ter bevöl­kern die Ein­woh­ner von Neu­stadt den Stadt­park. Sie genie­ßen die gepfleg­ten Rasen­flä­chen, den Bestand an gro­ßen alten Bäu­men, die Was­ser­spie­le und Blu­men­ra­bat­ten, zei­gen ihren Kin­dern das lie­be­voll gestal­te­te „Palais“, das inmit­ten eines klei­nen Tei­ches als Nist­platz für die Schwä­ne auf­ge­stellt wor­den ist, beob­ach­ten die Vögel in den Volie­ren oder genie­ßen in einem Restau­rant bei einem Kaf­fee die Atmo­sphä­re die­ser Gar­ten­land­schaft, die jeder­mann zum Ent­schleu­ni­gen einlädt.

Eine beson­de­re Attrak­ti­on bil­det frei­lich das Neu­städ­ter Schloss, des­sen dem Park zuge­wand­te Süd­sei­te die­ses Foto zeigt. Es wur­de Anfang des 19. Jahr­hun­derts von Alex­an­der von Key­ser­lingk errich­tet und von sei­nen Erben spä­ter­hin erwei­tert. Einer der letz­ten deut­schen Besit­zer war Hein­rich Graf von Key­ser­lingk (1861–1941), ein Par­la­men­ta­ri­er sowie Hof- und Ver­wal­tungs­be­am­ter, des­sen Kar­rie­re ihn bis ins Amt des Gene­ral­land­schafts­di­rek­tors von West­preu­ßen führte.

Nach 1945 von ver­schie­de­nen Insti­tu­tio­nen genutzt, wur­de die Resi­denz 1995 zum Sitz des (1968 gegrün­de­ten) „Muse­ums für kaschubisch-​​­pommersche Lite­ra­tur und Musik“. Die­ses Haus ver­fügt über reich­hal­ti­ge Bestän­de aus allen Berei­chen der Kul­tur, die durch man­nig­fa­che Aus­stel­lun­gen und Publi­ka­tio­nen erschlos­sen wird. Damit bil­det es einen her­aus­ra­gen­den Beleg für den Erfolg der Bemü­hun­gen um eine Wie­der­be­le­bung der hei­mi­schen Tra­di­tio­nen sowie um die Aner­ken­nung des Kaschu­bi­schen als einer eigen­stän­di­gen Regionalsprache.

Foto: Ursu­la Enke 

Ostseestrand bei Jurata (Hela)

Jura­ta heißt die jüngs­te, nach dem Ers­ten Welt­krieg gegrün­de­te Sied­lung auf der Halb­in­sel Hela. Sie liegt nur weni­ge Kilo­me­ter vor dem Haupt­ort Hela, der das Ende des „Kuh­schwan­zes“ markiert.

Als Namens­pa­tro­nin wur­de die – in bal­ti­schen Mythen hei­mi­sche – Mee­res­göt­tin „Jura­ta“ (litau­isch „Jūra­tė“) erko­ren. Sie bewohn­te in der Nähe von Hela einen pracht­vol­len Palast aus Bern­stein. Als sie sich aber in ein mensch­li­ches Wesen, den Fischer Kas­ty­tis, ver­lieb­te, ent­brann­te der mäch­ti­ge Gott Per­kū­nas in Eifer­sucht, ket­te­te Jūra­tė an einen Fel­sen, töte­te den Gelieb­ten und zer­stör­te den Palast. Wenn­gleich die­se Geschich­te trau­rig aus­geht, lie­ßen sich doch nun die Bernstein-​​Stücke, die am Strand gefun­den wer­den, als Trä­nen der gefan­ge­nen Köni­gin oder als Relik­te jenes Pracht­baus deuten.

„Jura­ta“ nann­te sich zudem ein Unter­neh­men, das Ende der 1920er Jah­re in dem Ort ein grö­ße­res Ter­rain pach­te­te, um Urlaubs­mög­lich­kei­ten für Wohl­ha­ben­de zu schaf­fen. Bevor­zugt ent­stan­den nun luxu­riö­se Wohn­an­la­gen und Vil­len. Ihren exklu­si­ven Cha­rak­ter hat Jura­ta bis heu­te bewahrt. Nicht umsonst liegt hier die Som­mer­re­si­denz des pol­ni­schen Präsidenten.

Gut nach­zu­voll­zie­hen sind die beson­de­ren Sym­pa­thien für die­sen Ort, wenn man bei­spiels­wei­se von der 320 m lan­gen See­brü­cke, die in die Put­zi­ger Wieck hin­ein­ragt, über die ele­gan­te Pro­me­na­de „Zwi­schen den Mee­ren“ (Międ­zy­mor­ze) zur offe­nen See hin fla­niert – und sich dort dann unver­mit­telt der Blick in die Wei­te von Wald, Strand und Meer eröffnet.

Foto: Ursu­la Enke

Die Deutschordensburg Schwetz

Schon bevor der Deut­sche Orden Schwetz 1310 erwor­ben hat­te, befan­den sich auf der Höhe über der Weich­sel eine Stadt und vor allem eine bedeu­ten­de Fes­te der pom­me­rel­li­schen Her­zö­ge. Wenig spä­ter wur­de die Burg im Tal, am Ufer des Schwarz­was­sers, kurz vor des­sen Ein­mün­dung in die Weich­sel, errich­tet. Um die Mit­te des 14. Jahr­hun­derts folg­te die Stadt an die­sen Ort. Eine Über­schwem­mung führ­te aller­dings 1858 dazu, dass Schwetz auf die Höhe zurück­ver­legt wur­de. Die Deutsch­or­dens­burg und die nahe­bei ver­blie­be­ne St.-Stanislaus-Kirche bil­den somit die letz­ten Relik­te einer 500 Jah­re umfas­sen­den Pha­se der Stadtgeschichte.

Da das Bau­werk dem spä­ten 18. Jahr­hun­dert nur noch als Res­sour­ce für Bau­ma­te­ria­li­en taug­lich schien, erwies es sich für die Burg Schwetz als segens­reich, dass sich weni­ge Jahr­zehn­te spä­ter der Gedan­ke des Bewah­rens Bahn brach :  1843 wur­de zumin­dest der impo­nie­ren­de zin­nen­be­krön­te Berg­fried, der Turm an der Nordwest-​​Ecke, restau­riert. Nach 1945 setz­ten wei­te­re Rekon­struk­ti­ons­be­mü­hun­gen ein :  Die Grund­struk­tur der gesam­ten Anla­ge ist wie­der gut erkenn­bar, und deren ein­zi­ger voll­stän­dig wie­der­her­ge­stell­ter Teil, der hier gezeig­te Nord­flü­gel, ist inzwi­schen sogar zugäng­lich und wird schon seit eini­ger Zeit als Ausstellungs- und pro­jekt­raum genutzt. Ange­sichts der Ver­su­che, die Attrak­ti­vi­tät die­ses Bau­denk­mals zu erhö­hen, wäre es nicht ein­mal aus­zu­schlie­ßen, dass es dem­nächst auch auf dem frü­he­ren Innen­hof der Burg wie­der Rit­ter­tur­nie­re geben könnte …

Foto: Pio­tr Olecki

Die Domkirche von Kulmsee

Das Pan­ora­ma der Stadt Kulm­see wird vor allem von der ehe­ma­li­gen Dom­kir­che des Bis­tums Kulm beherrscht. Ihre Erha­ben­heit erschließt sich ins­be­son­de­re, wenn sie aus eini­ger Ent­fer­nung – wie hier vom Gegen­ufer des Culm­sees aus – in den Blick genom­men wird. Die­ses Bau­werk ist mit Recht den schöns­ten Kir­chen in der Pro­vinz zuge­rech­net wor­den. Zwar ent­spricht das gegen­wär­ti­ge Erschei­nungs­bild nicht den ursprüng­li­chen Plä­nen :  z. B. ist von den vier Tür­men, die den roma­ni­schen Dom flan­kie­ren soll­ten, nur der­je­ni­ge an der Nord-​​West-​​Ecke voll­stän­dig aus­ge­führt wor­den, und er hat zudem auch noch Ende des 17. Jahr­hun­derts eine dem dama­li­gen Zeit­stil ent­spre­chen­de auf­wän­di­ge Hau­be erhal­ten ;  den über­zeu­gen­den Ein­druck von Stim­mig­keit und Geschlos­sen­heit min­dern sol­che Dif­fe­ren­zen aber keineswegs.

Als Sitz des Bis­tums Kulm hat die 1251 gegrün­de­te Stadt aller­dings nur in ein­ge­schränk­tem Maße gedient. Ab dem frü­hen 15. Jahr­hun­dert resi­dier­te der Bischof in Löbau, kam erst 1781 wie­der nach Kulm­see zurück – und ging schon 1824, und nun dau­er­haft, nach Pel­plin. Den Ver­lust des Bis­tums­sit­zes ver­moch­te die Stadt mit­tel­fris­tig aber auf einem gänz­lich anders gear­te­ten Feld zu kom­pen­sie­ren. Die Anfang der 1880er Jahr ein­set­zen­de Zucker­in­dus­trie fand – neben den Weich­sel­nie­de­run­gen – gera­de im Kul­mer Land höchst ertrag­rei­che Böden ;  und so war es von allen west­preu­ßi­schen Pro­duk­ti­ons­stät­ten letzt­lich die Fabrik von Kulm­see, die als mit Abstand größ­te Zucker­fa­brik in Euro­pa eine her­aus­ra­gen­de Posi­ti­on einnahm.

Foto: Mar­co Cru­pi, shutterstock 

Die Danziger Rechtstadt

 Nicht weni­ge Dan­zi­ger hiel­ten es ver­mut­lich für ange­mes­sen, ihrer Stadt einen eige­nen Bild­ka­len­der zu wid­men. Solch eine Distan­zie­rung vom west­preu­ßi­schen „Umland“ erscheint his­to­risch nicht unbe­grün­det. Immer­hin war Dan­zig zu Beginn des 17. Jahr­hun­derts – gut 150 Jah­re, bevor von „West­preu­ßen“ über­haupt die Rede war – schon eine der größ­ten deutsch­spra­chi­gen Städ­te über­haupt ;  und die alte Han­se­stadt, das wirt­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Zen­trum der Regi­on, fun­gier­te for­mal im Grun­de auch nur in der Zeit­span­ne von 1878 bis 1920 als Haupt­stadt einer eigen­stän­di­gen Pro­vinz Westpreußen.

Auch wenn Dan­zig aus der west­preu­ßi­schen Per­spek­ti­ve her­aus viel­leicht zu rasch dem Land am Unter­lauf der Weich­sel hin­zu­ge­rech­net wird, erweist unse­re Bil­der­fol­ge der hohen Eigen­stän­dig­keit der Stadt doch zumin­dest dadurch die Reve­renz, dass Dan­zig als Ausgangs- und End­punkt des Weges durch das Jahr 2019 den gesam­ten Kalen­der rahmt. Das Titel­blatt zeigt die in wär­me­ren Jah­res­zei­ten von Tou­ris­ten­strö­men bevöl­ker­te Lan­ge Brü­cke ;  und zum Jah­res­schluss eröff­net sich von einem ande­ren, ein wenig mott­lau­ab­wärts lie­gen­den Punkt aus der Blick auf die gesam­te Recht­stadt :  von der Johan­nes­kir­che über die in ihrer mäch­ti­gen Aus­deh­nung beein­dru­cken­de Mari­en­kir­che bis zum fili­gra­nen Rat­haus­turm. Aus die­ser Per­spektive, im win­ter­li­chen Dunst und durch eine auf ästhe­ti­sche Per­fek­ti­on zie­len­de Auf­nah­me erscheint Dan­zig gera­de­zu wie ein Traum­bild und gewinnt der­art einen majes­tä­ti­schen, fest­li­chen Charakter.

Die pol­ni­schen Text fin­den sich hier.