Titel­blatt: Blick über den Elbing auf die gegen­über­lie­gen­de Pro­me­na­de (ehe­mals Hermann-​​Balk-​​Ufer), die St.-Nikolai-Kirche und die Alt­stadt von Elbing. Die Gie­bel­rei­he gehört zu den Häu­sern an der Brück-​​Straße. Sie sind über­wie­gend erst wäh­rend der letz­ten Jahr­zehn­te in freie­ren Varia­tio­nen ori­gi­na­ler archi­tek­to­ni­scher Mus­ter wie­der­erstan­den. (Foto: Leo­nid Andro­nov, Ala­my Stock Fotos)

Bild­aus­wahl und Tex­te: Erik Fischer
Über­set­zung ins Pol­ni­sche: Joan­na Szkol­ni­cka
Gra­fik: Medi­en­ge­stal­tung Kohlhaas


Übersicht über die Kalenderblätter

Ein­zel­blät­ter sind über die Monats­na­men erreichbar


Westpreußenkalender 2020

DER WESTPREUSSEN-​​KALENDER 2020

Dan­zig und das Land an der unte­ren Weich­sel – mit den UNESCO-​​Welterbestätten Mari­en­burg und Thorn – bil­den höchst belieb­te Rei­se­zie­le. Besu­cher sto­ßen dann rasch dar­auf, dass die­se Land­schaft auch mit der deut­schen Geschich­te ver­bun­den ist, bis 1920 »West­preu­ßen« hieß und für Deut­sche wie Polen einen wich­ti­gen Erin­ne­rungs­ort bil­det :  Hier befand sich bei­spiels­wei­se das Kern­ge­biet des Ter­ri­to­ri­ums, das im Mit­tel­al­ter vom Deut­schen Orden beherrscht wur­de, und gera­de hier muss­te das Deut­sche Reich nach dem Ers­ten Welt­krieg ein­schnei­den­de ter­ri­to­ria­le Ver­än­de­run­gen hinnehmen.

In der Gegen­wart ist »West­preu­ßen« vor allem eine Erin­ne­rungs­land­schaft für Men­schen, die aus die­ser Regi­on stam­men und für deren Fami­li­en die­ses Land oft jahr­hun­der­te­lang Hei­mat war ;  und zugleich ist es eine his­to­ri­sche Kate­go­rie, die den heu­ti­gen Bewoh­nern bei ihrer Beschäf­ti­gung mit dem kul­tu­rel­len Erbe und der gemein­sa­men deutsch-​​polnischen Geschich­te einen wich­ti­gen Ori­en­tie­rungs­raum eröffnet.

Foto: Alex Kazak­hov, Wiki­me­dia CC 4.0

Blick vom Bergfried der Ordensburg auf Graudenz und die Weichsel

Nörd­lich der am hohen Ost­ufer der Weich­sel gele­ge­nen Stadt errich­te­te der Deut­sche Orden um die Mit­te des 13. Jahr­hun­derts eine Burg, die im Lau­fe der Zeit meh­re­re schwe­re Beschä­di­gun­gen erlitt. Selbst das letz­te Relikt, der Berg­fried, wur­de 1945 zer­stört. Seit weni­gen Jah­ren aber hat der alte Burg­platz ein ganz neu­es Aus­se­hen gewon­nen: Dort ist nun ein klei­ner archäo­lo­gi­scher Park ein­ge­rich­tet wor­den, des­sen aus­ge­spro­che­ne Attrak­ti­on der wie­der­errich­te­te, besteig­ba­re Berg­fried bildet.

Von die­ser War­te aus öff­net sich ein fas­zi­nie­rend wei­ter Blick, der in unse­rem Fal­le weichsel­aufwärts gerich­tet ist. Ihren Reiz gewinnt die­se Auf­nah­me durch die spe­zi­fi­schen Licht­be­din­gun­gen der kal­ten Jah­res­zeit. Der win­ter­li­che Dunst mil­dert die Mas­si­vi­tät der Wohn­hoch­häu­ser in der süd­li­chen Vor­stadt vor­teil­haft ab; zugleich erweckt er den Ein­druck, als for­me sich der brei­te, sil­bern glän­zen­de Fluss erst all­mäh­lich im dif­fu­sen Grenz­be­reich von Him­mel und Erde.

Vom Berg­fried aus betrach­tet, wirkt die ver­schnei­te Alt­stadt, aus der die Turm­hau­be des Rat­hau­ses, des ehe­ma­li­gen Jesui­ten­kol­legs, und der von einer Later­ne gekrön­te Turm der Pfarr­kir­che St. Niko­laus her­vor­ra­gen, gleich­sam ver­dich­tet, und erst recht beein­druckt jetzt die impo­san­te Höhe der Wehr­spei­cher, die bis zum Fluss­ufer hin­un­ter­rei­chen. Schließ­lich lässt sich in die­ser Per­spek­ti­ve son­der­lich gut erken­nen, was für ein mäch­ti­ges tech­ni­sches Bau­werk die – mit ihrem Spie­gel­bild sche­men­haft im Bild­mit­tel­grund auf­tau­chen­de – Grau­den­zer Weich­sel­brü­cke darstellt.

Foto: Pio­tr Wyt­rążek, Depositphotos

Der Bergfried der Burg Schlochau und das angebaute Kirchenschiff

Der Deut­sche Orden erwarb 1312 das gut 100 Jah­re zuvor von Pomo­ra­nen gegrün­de­te Dorf Schlochau, errich­te­te dort von 1325 bis 1336 sei­ne – nach der Mari­en­burg – zweit­größ­te Kom­tu­rei und bau­te auf dem Schloss­berg eine mäch­ti­ge Burg. Sie wur­de durch Kriegs­ein­wir­kun­gen im 17. und bei Stadt­brän­den im spä­ten 18. Jahr­hun­dert stark beschä­digt und durf­te dar­auf­hin von den Bür­gern für den Wie­der­auf­bau ihrer Häu­ser als Stein­bruch genutzt wer­den. Vom gan­zen Bau­werk blieb – abge­se­hen von eini­gen Umfas­sungs­mau­ern – letzt­lich nur der acht­ecki­ge, an der Nordost-​​­Ecke der Burg ste­hen­de Berg­fried erhalten.

Einen ganz neu­en Impuls setz­te der Plan, auf dem Fun­da­ment des Nord­flü­gels eine Kir­che für die evan­ge­li­sche Gemein­de der Stadt zu errich­ten. Der Ent­wurf des klas­si­zis­ti­schen Baus, auf den Karl Fried­rich Schin­kel zumin­dest als Rat­ge­ber Ein­fluss nahm, wur­de von 1826 bis 1828 umge­setzt. Indem der Berg­fried funk­tio­nal in einen „Kirch­turm“ ver­wan­delt wur­de, führ­te die Kom­bi­na­ti­on der bei­den hete­ro­ge­nen Bau­kör­per unwei­ger­lich zu einem spannungsvoll-​​­produktiven Ver­hält­nis zwi­schen den For­men und Pro­por­tio­nen der Ordens­zeit und den­je­ni­gen des Klassizismus.

Die auf der kirch­li­chen Nut­zung beru­hen­de inte­gra­ti­ve Kraft ging 1945 mit dem Unter­gang der Gemein­de aller­dings ver­lo­ren. Seit­dem hat der hybri­de Gebäude-​​Komplex als Thea­ter­saal und Kul­tur­zen­trum unter­schied­li­chen Zwe­cken gedient. Nach dem Abschluss ein­ge­hen­der Reno­vie­rungs­ar­bei­ten ist dort nun seit eini­gen Jah­ren das Regio­nal­mu­se­um des Krei­ses untergebracht.

Die pol­ni­schen Text fin­den sich hier.

Foto: Rafał Grosch

Die Drewenz bei Strasburg

Unter den Hun­der­ten von Wei­den­ar­ten gibt es jene Sor­ten, die bevor­zugt an Bach­läu­fen, auf dau­er­feuch­ten Auen oder zeit­wei­se über­schwemm­ten Lehm­bö­den wach­sen – die Lor­beer­wei­de ist eben­so cha­rak­te­ris­tisch für die Vege­ta­ti­on Ost- und West­preu­ßens wie die Knack­wei­de, deren dün­ne Zwei­ge, vom Hoch­was­ser gebro­chen, an Land gespült wer­den, um dort dann wur­zeln zu kön­nen. Wäh­rend der Blü­te­zeit sind sie ein öko­lo­gi­sches Para­dies für Hum­meln und Bie­nen und bezau­bern durch das Farb­spiel ihres Blatt­werks. Nicht min­der reiz­voll ist des Win­ters der Blick auf jene knor­ri­gen Gesel­len, die gemein­sam dem Was­ser trot­zen und ihre bieg­sa­men Äste gen Him­mel strecken.

Unser Foto zeigt solch eine Weiden-​​Gruppe an der Dre­wenz. Es wur­de im Vor­früh­ling von den alten Hoch­was­ser­däm­men aus auf­ge­nom­men, die in der Nähe des Stras­bur­ger Stadt­wäld­chens ver­lau­fen. Von dort schaut man über den Fluss in Rich­tung des am ande­ren Ufer lie­gen­den Stadt­teils Michelau.

Dass sich sol­che fast cho­reo­gra­phi­schen For­ma­tio­nen der Natur an der Dre­wenz fin­den, wird durch die Eigen­schaf­ten die­ses Flus­ses begüns­tigt. Die süd­öst­li­che Lebens­ader West­preu­ßens hat, bevor sie ober­halb von Thorn in die Weich­sel mün­det, zwar 253 km zurück­ge­legt, weist aber auf die­sem lan­gen Wege ins­ge­samt nur ein äußerst gerin­ges Gefäl­le auf. Auch im Kreis Stras­burg win­det sie sich in ihrem brei­ten Tal gemäch­lich, in viel­fa­chen Schlei­fen, durch die Wie­sen, die sie je nach Was­ser­stand über­flu­tet – und bie­tet somit Wei­den dort opti­ma­le Entfaltungsmöglichkeiten.

Foto: Artur Bog­a­cki, Depositphotos

Gebäude an der Langen Brücke sowie die Marienkirche in Danzig

Wer sich in Dan­zig umschaut, nimmt zual­ler­erst das über­wäl­ti­gend Dimen­sio­nier­te und Pracht­vol­le der Stadt wahr. Am Ein­gang zur Alt­stadt steht das „Hohe Tor“, ande­re Gebäu­de tra­gen das Epi­the­ton „gol­den“, die Pracht­stra­ße und der Markt der Recht­stadt sowie der Kai wer­den aus­drück­lich als „lang“ gekenn­zeich­net, und die impo­san­te Pfarr­kir­che St. Mari­en ist unbe­strit­ten die größ­te Kir­che der Backsteingotik.

Auf­nah­men von Dan­zig bemü­hen sich in der Regel, einen mög­lichst wei­ten Blick auf die Fül­le der Sehens­wür­dig­kei­ten zu eröff­nen. Dem­ge­gen­über hat der Foto­graf des Kalender-​​­Blattes den Ver­such unter­nom­men, ein kom­pak­tes Bild der mäch­ti­gen Stadt zu ent­wer­fen. Ein (zur Zeit der Auf­nah­me noch vor­han­de­nes) Ruinen-​​­Fragment von der Speicherinsel-​​­Bebauung, der (vom Fluss aus) rech­te Turm des Frau­en­tors und die Gie­bel der Häu­ser, das mar­kan­te Gebäu­de der „Natur­for­schen­den Gesell­schaft“ sowie das Kir­chen­schiff und die Tür­me von St. Mari­en erschei­nen äußerst dicht gestaf­felt, als bil­de­ten sie Schich­ten eines Pop-​​up-​​Buches, das ausein­ander­gefaltet wer­den müss­te, um dann erst ­einen kor­rek­ten Ein­druck von Tie­fe ver­mit­teln zu können.

Solch ein Kon­zept setzt eine spe­zi­fi­sche Vor­ge­hens­wei­se vor­aus. Aus der Bild­kom­po­si­ti­on lässt sich erschlie­ßen, dass das Foto mit einem Super­te­le­ob­jek­tiv aus gro­ßer Ent­fer­nung und von einer deut­lich erhöh­ten Posi­ti­on aus auf­ge­nom­men wur­de: Ver­mut­lich stand die Kame­ra auf einer obe­ren Eta­ge der Häu­ser an der Mari­na, am hin­te­ren Stra­ßen­ver­lauf der Schäferei.

Mari­usz Świ­tul­ski, Ala­my Stock Fotos

Ruine der Burg Schönberg, Kr. Deutsch Eylau

Die Droh­nen­fo­to­gra­fie ermög­licht es uns, das völ­lig ent­kern­te Mau­er­ge­viert der Burg Schön­berg als Gan­zes zu über­schau­en. Der nach Nor­den hin auf­ge­nom­me­ne Kom­plex liegt weni­ge Kilo­me­ter nord­west­lich von Deutsch Eylau und gehör­te, bis die Kreis­ver­wal­tung in der Nach­kriegs­zeit in die­se Stadt ver­legt wur­de, zum Kreis Rosen­berg. Unter­halb des Bild­aus­schnitts beginnt der lang­ge­streck­te Haus­see; vom Süd­flü­gel aus bot er den frü­he­ren Bewoh­nern male­ri­sche Ansichten.

Die Bau­ge­schich­te der gro­ßen Burg, die das – in Mari­en­wer­der resi­die­ren­de – Dom­ka­pi­tel von Pome­sa­ni­en errich­ten ließ, begann Anfang des 14. Jahr­hun­derts und setz­te sich nach der Fer­tig­stel­lung im Jah­re 1386 in ver­schie­de­nen Aus- und Umbau­ten fort. Nach der Refor­ma­ti­on wech­sel­ten die Eigen­tü­mer; von 1699 an war die Burg dann im Besitz des Gra­fen Finck von Finckenstein.

Ire­ne Grä­fin Finck von Finckenstein-​​­Schön­berg (1866–1957), die letz­te Besit­ze­rin von Schön­berg, hat ein Jahr vor ihrem Tode ihre Erin­ne­run­gen an die Ordens­burg in Form eines Rund­gangs fest­ge­hal­ten. Die im Jah­re 2000 erschie­ne­nen detail­lier­ten Schil­de­run­gen sowie ergän­zen­de Foto­gra­fien aus der Vor­kriegs­zeit las­sen ermes­sen, welch ein Ver­lust ent­stan­den ist, als das Schloss, das 1945 von der Roten Armee unver­sehrt ein­ge­nom­men wor­den war, bei deren Abzug mut­wil­lig in Brand gesteckt wur­de. – Da jün­ge­re Kon­zep­te einer neu­er­li­chen Ver­wen­dung bis­lang nicht zum Zuge gekom­men sind, bleibt die Rui­ne zunächst als beklem­men­des Denk­mal der ver­hee­ren­den Kriegs­fol­gen in West­preu­ßen erhalten.

Foto: Dari­usz Zaręba

Im Fischerhafen von Putzig

Unter­halb der trut­zig wir­ken­den, in der Ordens­zeit errich­te­ten Pfarr­kir­che St. ­Peter und Paul drän­gen sich im Hafen von Put­zig fest­lich geschmück­te Fischer­boo­te, wäh­rend Schau­lus­ti­ge den Kai und die Zufahrts­stra­ße säu­men. Selbst wer die Nord­ka­schub­ei nur ober­fläch­lich kennt, weiß, dass die­ses Bild an einem 29. Juni, an dem das Fest der Apos­tel Petrus und Pau­lus began­gen wird, auf­ge­nom­men sein muss.

Als Küs­ten­re­gi­on ist das Put­zi­ger Land neben der Land­wirt­schaft vor­nehm­lich vom Fisch­fang geprägt wor­den. Dies gilt ins­be­son­de­re für die Halb­in­sel Hela, die kaum über Agrar­flä­chen ver­fügt und in deren Fischer­sied­lun­gen sich spe­zi­fi­sche sozia­le Struk­tu­ren und kul­tu­rel­le Tra­di­tio­nen her­aus­ge­bil­det haben. In die­sen Kon­text gehört die gro­ße, regel­mä­ßig zu Peter und Paul statt­fin­den­de Fischer­wall­fahrt. Am Vor­mit­tag die­ses Tages ste­chen Boo­te von Put­zig und Hela, aber auch von ande­ren Orten aus in See und kom­men mit­ten auf der Put­zi­ger Wiek – dem west­li­chen, durch die Halb­in­sel Hela von der Ost­see abge­trenn­ten seich­ten Teil der Dan­zi­ger Bucht – zusam­men. Dort, auf dem Was­ser, fei­ern die Fischer einen gemein­sa­men Got­tes­dienst. Danach steu­ern sie Put­zig an, wo in der Peter-​​und-​​Paul-​​Kirche zum Abschluss der Wall­fahrt eine wei­te­re Mes­se zele­briert wird.

Die­ses tra­di­ti­ons­rei­che Fest belegt gewiss die Hei­mat­ver­bun­den­heit der Kaschub­en – zeugt zugleich aber auch vom Geschick die­ser Volks­grup­pe, durch ihre Brauch­tums­pfle­ge eine brei­te­re, nicht zuletzt auch tou­ris­tisch rele­van­te Auf­merk­sam­keit zu wecken.

Foto: Rein­hard Albers

Windmühle im Kaschubischen
Ethnographischen Park in Sanddorf

Das Ver­ständ­nis für kul­tur­ge­schicht­li­che Zusam­men­hän­ge kann gera­de durch Frei­licht­mu­se­en geweckt und ver­tieft wer­den. Ori­gi­na­le Gebäu­de und Anla­gen selbst betre­ten bzw. erkun­den zu kön­nen, ermög­licht eine „unmit­tel­ba­re“ Erfah­rung, deren Authen­ti­zi­tät noch­mals gestei­gert wird, wenn die alte Dampf­ma­schi­ne des Säge­werks rich­tig stampft und zischt, der Schmied arbei­tet oder ein Leh­rer im Schul­haus eine Unter­richts­stun­de hält. Des­halb ist auch der Sand­dor­fer Park bei Jung und Alt sehr beliebt.

Die Grün­dung des Muse­ums im Jah­re 1906 darf als hell­sich­tig bezeich­net wer­den: Der von Theo­do­ra und Isi­dor Gul­gow­ski initi­ier­te Kaschu­bi­sche Park ist heu­te die ältes­te Ein­rich­tung die­ser Art in Polen und bil­det auch im inter­na­tio­na­len Ver­gleich eine bemer­kens­wer­te Pio­nier­leis­tung. Zudem för­der­te das Gründer-​​Ehepaar mit sei­nem Pro­jekt nach­drück­lich die sich damals ent­wi­ckeln­den Bemü­hun­gen um eine kul­tu­rel­le Eman­zi­pa­ti­on der Kaschuben.

Das Muse­um ver­mit­telt heu­te mit sei­nen nahe­zu 50 Gebäu­den bzw. Anla­gen ein viel­schich­ti­ges Bild von der frü­he­ren Lebens­welt der bäu­er­lich gepräg­ten Kaschub­ei. Dazu gehört auch ein Paar von Wind­müh­len: eine tech­nisch avan­cier­te Hol­län­der­wind­müh­le, die gleich in der Nähe des Park-​​Eingangs auf­ge­stellt ist, und – kurz nach dem Schei­tel­punkt des Rund­wegs – die hier gezeig­te Bock­wind­müh­le bzw. „Deut­sche Wind­müh­le“; sie stammt aus dem Dorf Jezewnitz, Kr. Pr. Star­gard, und reprä­sen­tiert den älte­ren Bau­typ, bei dem das Müh­len­haus auf einem tra­gen­den Pfahl ruht und als Gan­zes gedreht wer­den kann.

Foto: Wojciech Wójcik

Der Marktplatz von Kulm

Kulm bil­det heu­te eine Sta­ti­on auf der „Euro­päi­schen Rou­te der Back­stein­go­tik“, weil die Stadt eine Rei­he bedeu­ten­der Bau­wer­ke auf­weist, zu denen zual­ler­erst die um die Wen­de vom 13. zum 14. Jahr­hun­dert an der süd­li­chen Ecke des Markt­plat­zes errich­te­te Pfarr­kir­che St. Mari­en zählt. Dass dort in einem kost­ba­ren Reli­qui­ar ein Frag­ment vom Schä­del­kno­chen des Hei­li­gen Valen­tin auf­be­wahrt wird, gab über­dies einen will­kom­me­nen Anlass dafür, dass sich Kulm seit den 1990er Jah­ren als „Stadt der Ver­lieb­ten“ bezeich­net und inzwi­schen – nicht nur wäh­rend der Fest­ver­an­stal­tun­gen um den 14. Febru­ar – gera­de auf jun­ge Men­schen eine gro­ße Anzie­hungs­kraft ausübt.

Die schon 1065 urkund­lich erwähn­te Stadt wur­de 1232 in gerin­ger Ent­fer­nung von ihrem frü­he­ren Ort neu­er­lich erbaut und bil­de­te damit die nach Thorn zwei­te Stadt­grün­dung des Deut­schen Ordens. Hier wur­de zwei Jah­re spä­ter zudem das nach ihr benann­te und für das Ordens­land ver­bind­li­che Kul­mer Recht – die „Kul­mer Hand­fes­te“ – kodifiziert.

Als rei­che Han­dels­stadt gehör­te Kulm bis 1437 der Han­se an und wur­de kurz dar­auf in die mili­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen des Drei­zehn­jäh­ri­gen Krie­ges hin­ein­ge­zo­gen. Danach setz­te ein lang­wäh­ren­der Nie­der­gang ein, des­sen unge­ach­tet aber von 1567 bis 1572 noch das goti­sche Rat­haus im Sin­ne der Renais­sance umge­baut wur­de: Dadurch ent­stand ein Klein­od der manie­ris­ti­schen Archi­tek­tur, des­sen Stil­si­cher­heit und Zier­lich­keit auf unse­rem Bild gera­de vor dem Hin­ter­grund der monu­men­ta­len St. Marien-​​Kirche offen­kun­dig werden.

Foto: Ursu­la Enke

Die Weichsel bei Mewe

Besu­cher, die das Städt­chen Mewe als geschichts­träch­ti­gen Ort mit sei­ner his­to­ri­schen Alt­stadt und der Ordens­burg erkun­det haben, soll­ten nicht ver­säu­men, das öst­lich gele­ge­ne hohe Weich­sel­ufer auf­zu­su­chen, den Blick über den Strom und sei­ne Auen schwei­fen zu las­sen und auch auf das male­ri­sche Gesträuch zu ach­ten, an dem die zier­li­chen Rosen­äp­fel von ver­gan­ge­ner som­mer­li­cher Blü­ten­pracht erzäh­len. Stil­le macht sich breit – und nichts erin­nert dar­an, dass hier einst in stra­te­gisch güns­ti­ger Lage Macht aus­ge­übt wur­de und ein mili­tä­risch befes­tig­ter, wirt­schaft­lich bedeut­sa­mer Umschlags­platz für Bier, Holz und Wei­zen gele­gen hat.

Die ein­drucks­vol­le Stil­le, die das Rau­schen der Weich­sel eher grun­diert denn unter­bricht, hat sich end­gül­tig aller­dings erst 2013 ein­ge­stellt. Nur eini­ge Meter fluss­ab­wärts, an der Ein­mün­dung der Fer­se, pen­del­te bis dahin eine Fäh­re hin und her, die den Stra­ßen­ver­kehr zwi­schen den bei­den Krei­sen Dir­schau und Mari­en­wer­der sicher­stell­te und erst durch die neue Weich­sel­brü­cke bei Mari­en­wer­der funk­ti­ons­los gewor­den ist.

Neben jener Stil­le ver­mit­telt die­ser Ort frei­lich auch das Gefühl einer wohl­tu­end fried­vol­len Ruhe – ins­be­son­de­re, wenn man sich dar­an erin­nert, dass in der Zwi­schen­kriegs­zeit nahe am gegen­über­lie­gen­den, öst­li­chen Ufer die Staats­gren­ze zwi­schen Polen und dem Deut­schen Reich ver­lief und hier Feind­schaft und Miss­trau­en herrsch­ten. Vor die­sem Hin­ter­grund ist es gera­de­zu beglü­ckend, dass die Weich­sel sich inzwi­schen jen­seits aller Natio­na­lis­men zu einem euro­päi­schen Strom gewan­delt hat.

Foto: Ser­gii Mos­to­vyi, Ado­be Stock

Blick über die Nogat auf die Marienburg

Für Jahr­hun­der­te ist die Mari­en­burg von Auseinander­setzungen um staat­li­che wie mili­tä­ri­sche Vor­herr­schaft bestimmt gewe­sen. Sie bil­de­te das Macht- und Ver­wal­tungs­zen­trum des Ordens­staa­tes, wur­den nach der Nie­der­la­ge des Ordens bei Tan­nen­berg (1410) bela­gert und kam infol­ge der Kon­flik­te wäh­rend des Preu­ßi­schen Städ­te­kriegs 1466 end­gül­tig in pol­ni­schen Besitz. In den bei­den Polnisch-​​Schwedischen Krie­gen des 17. Jahr­hun­derts wur­de sie auch von den Schwe­den zeit­wei­lig als Fes­tung genutzt und 1772 dann von Preu­ßen über­nom­men. Ihre his­to­risch ange­mes­se­ne Wie­der­her­stel­lung erhielt den Rang einer umfas­sen­den natio­na­len Auf­ga­be; über­dies wur­de das Bau­werk seit dem spä­te­ren 19. Jahr­hun­dert mit einer Fül­le ideo­lo­gi­scher, nicht zuletzt anti­pol­ni­scher Vor­stel­lun­gen befrach­tet, mit deren Hil­fe der Ordens­staat Herr­schafts­an­sprü­che des Deut­schen Reichs begrün­den sollte.

1945 erlitt die Mari­en­burg ver­hee­ren­de Schä­den, zudem war ihre Zeit als Fes­tung und als Sym­bol des Deutsch­tums end­gül­tig vor­über. Der pol­ni­sche Staat hat sie als Zeug­nis der abend­län­di­schen Kul­tur über Jahr­zehn­te ver­ant­wor­tungs­voll wie­der­auf­ge­baut. Jetzt ist sie ein trans­na­tio­na­les Muse­um und wird seit 1997 auch in der UNESCO-​​Liste des Welt­kul­tur­er­bes geführt. Des­halb müs­sen Abbil­dun­gen der beein­dru­cken­den Anla­ge nicht mehr deren trutzig-​​martialische Dimen­si­on akzen­tu­ie­ren, son­dern kön­nen sie – wie auf unse­rem Foto – durch­aus im Hin­ter­grund posi­tio­nie­ren und sie befrie­det, mit ihrer Geschich­te ver­söhnt, im Glanz der Abend­son­ne erstrah­len lassen.

Foto: Zbi­gniew Ziółkowski

Gräber auf dem Mennoniten-​​Friedhof in Crone an der Brahe

ERRATUM: Das Kalen­der­blatt zeigt nicht den men­no­ni­ti­schen, son­dern den jüdi­schen Fried­hof von Cro­ne an der Bra­he. Die­se Abwei­chung des Bil­des vom Kom­men­tar bit­tet die Redak­ti­on zu ent­schul­di­gen.

Eine Rei­he von Orten am Unter­lauf der Weich­sel erin­nert an das Leben und Wir­ken der Men­no­ni­ten, die sich – vor­nehm­lich aus den Nie­der­lan­den – dort seit der Zeit der Glau­bens­kämp­fe ansie­del­ten, weil sie als Teil der radikal-​​reformatorischen Täufer­bewegung in vie­len euro­päi­schen Ter­ri­to­ri­en ver­folgt wur­den. Unge­ach­tet aller kon­fes­sio­nel­len Vor­be­hal­te und recht­li­chen Ein­schrän­kun­gen waren sie als geschick­te Hand­wer­ker durch­aus will­kom­men; vor allem frei­lich brach­ten sie spe­zi­el­le Kennt­nis­se im Deich­bau mit und konn­ten die Ent­wäs­se­rung sump­fi­ger Land­striche fördern.

Kon­fes­sio­nel­le Strei­tig­kei­ten, in die Mennoniten-​​Gemeinden immer wie­der ver­strickt wur­den, resul­tier­ten häu­fig aus der Fra­ge, ob bzw. in wel­chem Maße sie zu Kir­chen­ab­ga­ben an die jewei­li­ge, ihnen fer­ne Orts­kir­che ver­pflich­tet sei­en;  noch schwe­rer wog das Pro­blem, dass sie auch über den Tod hin­aus dis­kre­di­tiert wur­den;  denn auf den Fried­hö­fen wur­den ihnen Bestat­tun­gen – zumin­dest in ange­mes­se­ner Wei­se – ver­wehrt. Des­halb wand­ten sie sich schon 1773, nur ein Jahr, nach­dem Preu­ßen die Ver­wal­tung des Lan­des über­nom­men hat­te, an die Kriegs- und Domai­nen­kam­mer zu Mari­en­wer­der, die ihnen, unter Hin­weis auf ent­spre­chen­de, im König­reich Preu­ßen längst bestehen­de Pri­vi­le­gi­en dar­auf­hin die Frei­heit gewähr­te, „ihre Lei­chen auf ihren Fried­hö­fen begra­ben zu können“.

Nicht zuletzt die­sem Recht ist es zu dan­ken, dass es vor­nehm­lich Fried­hö­fe sind, die heu­te noch von der nie­der­län­disch gepräg­ten Kul­tur der Men­no­ni­ten in West­preu­ßen Zeug­nis able­gen können.

Foto: Dani­el Pach

Das Zentrum der Altstadt von Thorn

Nach­dem der Deut­sche Orden 1231 die Weich­sel über­schrit­ten hat­te, war Thorn die ers­te von ihm errich­te­te Stadt des Kul­mer Lan­des. Schon kurz nach die­sem Ein­trag in die Grün­dungs­ge­schich­te des Deutsch­or­dens­staa­tes nahm Thorn eine äußerst güns­ti­ge Ent­wick­lung. Dem wohl­ha­ben­den Mit­glied der Han­se, das bald als „Köni­gin der Weich­sel“ gerühmt wur­de, wuch­sen erheb­li­che Mit­tel zu, so dass sich ab 1250 bis zum Beginn des 15. Jahr­hun­derts eine rege Bau­tä­tig­keit ent­fal­ten konnte.

In jener Zeit ent­stan­den bedeu­ten­de Bau­wer­ke wie die Alt­städ­ter bzw. Neu­städ­ter Pfarr­kir­chen St. Johann und St. Jakob oder das impo­san­te Alt­städ­ti­sche Rat­haus, das auf unse­rem Kalen­der­blatt die unte­re Bild­hälf­te beherrscht. Es wur­de ab 1393 an Stel­le meh­re­rer Vorgänger­bauten als vier­flü­ge­li­ge Anla­ge mit einem geräu­mi­gen Innen­hof errich­tet und sucht als beein­dru­ckend dimen­sio­nier­te, macht­vol­le Mani­festation bür­ger­li­chen Stol­zes und Selbst­be­wusst­seins in der mit­tel­al­ter­li­chen Rathaus-​​­Architektur seinesgleichen.

Hin­ter dem Turm ist der – 1890 im his­to­ri­sie­ren­den Stil der Zeit wie­der­errich­te­te – Artus­hof zu erken­nen. Die ehe­mals evan­ge­li­sche Hl. Geist-​​Kirche, die inzwi­schen für Uni­ver­si­täts­got­tes­diens­te genutzt wird, prägt eben­falls das Gesamt­bild des Alt­städ­ti­schen Markts. Wird das Gebäu­de­en­sem­ble dann noch stim­mungs­voll illu­mi­niert, ver­mag das von Kriegs­schä­den weit­ge­hend ver­schon­te Thorn, des­sen Alt­stadt noch heu­te einen Ein­druck vom urba­nen Leben im Mit­tel­al­ter geben kann, sei­nen gan­zen Zau­ber zu entfalten.

Die pol­ni­schen Text fin­den sich hier.