Es ist Weih­nacht gewor­den im hei­li­gen Lan­de. Nicht, wie daheim, mit Schnee und Regen, nein, wie zur Zeit, als die Hir­ten mit ihren Her­den des Nachts auf den Fel­dern lager­ten, – son­nen­hell und warm; der Regen hat den Staub des Som­mers hin­weg­ge­wa­schen; auf den Fel­sen sproßt das fri­sche Grün mit Ane­mo­nen und Cro­cus durch­webt, die Rosen­bü­sche ste­hen in Blüt­he und der Him­mel spannt sich klar und duf­tig, wie Got­tes Lie­be und Güte, über Syri­ens Weihnachtspracht.

Um Mit­ter­nacht läu­ten die Glo­cken der katho­li­schen Kir­chen und rufen zur Mes­se. In der Maroniten- und Jesui­ten­kir­che ist eine Grot­te nach­ge­bil­det, in der das Christ­kind­lein liegt, von fri­schen Blu­men und unzäh­li­gen Lich­tern umge­ben; in dem wei­ten däm­me­ri­gen Raum ohne Bän­ke und sons­ti­ge Sit­ze drängt sich der männ­li­che Theil der Gemein­de, wäh­rend die Frau­en nach ori­en­ta­li­scher Sit­te durch ein hohes Git­ter getrennt unter ihren wei­ßen Schlei­ern hin­über­schau­en nach der geschmück­ten Stät­te. Vom Altar ertönt die Mes­se, aber unver­ständ­lich, wie wir­res Gemur­mel in die Gemein­de hin­ein – ich tre­te hin­aus in die Nacht, durch die engen dun­keln Gas­sen den Heim­weg zu suchen. Ueber­all eilen noch Kirch­gän­ger, jeder mit der kla­ren wei­ßen Papier­la­ter­ne; dann und wann tönt der Zuruf der Neger­wäch­ter aus den Maga­zi­nen oder der Patrouil­le, die von der Kaser­ne her die Stra­ße durch­zieht – sie kennt kei­ne Weih­nacht und mus­tert neu­gie­rig die nächt­li­chen Kirch­gän­ger, wel­che die Geburt des Jesu, Ibn Mir­jam, fei­ern gehen.

Am 25. Vor­mit­tags ist der Got­tes­dienst der deut­schen Gemein­de, die fast voll­zäh­lig ver­sam­melt ihr: „Dies ist der Tag, den Gott gemacht“ dem in Beth­le­hem Gebo­re­nen ent­ge­gen­jauchzt. Fern von der Hei­mat eint Preu­ßen und Deut­sche, Schwei­zer und Dänen der eine Glau­be; mit ihnen freu­en sich Eng­län­der und pro­tes­tan­ti­sche Ara­ber, deren pres­by­te­ria­ni­sche Gemein­de nur den Sonn­tag kennt, an dem Evan­ge­li­um vom Christ­kin­de, dem die Engel zujauch­zen: „Ehre sei Gott in der Höhe, Frie­de auf Erden und den Men­schen ein Wohl­ge­fal­len!“ Am Tische des Herrn fei­ern Mit­glie­der von fünf Natio­nen und eben so viel evan­ge­li­schen Deno­mi­na­tio­nen das Abend­mahl; ein lieb­li­ches Frie­dens­bild in die­ser Zeit des Strei­tes und der Unruhe.

Und nun kam der Nach­mit­tag des ers­ten Fei­er­tags, den wir zu einer Weih­nachts­fei­er im Hos­pi­tal bestimmt hat­ten. In dem schö­nen Saal, den die Bil­der Sr. Majes­tät des Königs und des Her­ren­meis­ters, so wie eine Pho­to­gra­phie des in Son­nen­burg befind­li­chen Wid­mungs­bil­des, das die Johan­ni­ter­rit­ter in Syri­en und auf dem Schlacht­fel­de dar­stellt, schmü­cken, war eine schö­ne Pinie auf­ge­stellt, die und der Pascha von Bei­rut bereit­wil­ligst geschenkt hat­te. Sie strahl­te im hells­ten Lich­ter­glanz, der auch die klei­nen Gaben beleuch­te­te, wel­che am Fuße des Bau­mes aus­ge­brei­tet waren. Das rei­che Geschenk eines Freun­des der Anstalt hat­te uns in den Stand gesetzt, allen Kran­ken eine Weih­nachts­freu­de zu berei­ten. Da lagen die Men­di­le (Kopf­tü­cher für die Frau­en), die Pup­pen für unse­re ara­bi­sche Kin­der­schar, Tabak in Beu­teln für die Män­ner und für die Lese­kun­di­gen noch ein ara­bi­sches oder eng­li­sches Büchel­chen; für unse­re bei­den Pri­vat­kran­ken war auch gesorgt wor­den. Die eng­li­sche Leh­re­rin des Dia­ko­nis­sen­pen­i­so­nats, wel­che schwer brust­lei­dend, eine stil­le Stät­te zum Ster­ben im frem­den Lan­de bei uns gesucht hat­te, und die Gott erge­ben auf die Stun­de ihrer Abbe­ru­fung war­tet, fand ihre Gabe, eben so wie die Frau eines Mis­sio­nars, eine frü­he­re amha­ri­sche Prin­zes­sin, die nach des Königs Theo­do­rus Fall mit ihrem Mann hier­her­ge­kom­men, im Hos­pi­tal geblie­ben war, wäh­rend ihr Gat­te nach Eng­land und Deutsch­land reis­te, um Mit­tel für neue Mis­si­ons­un­ter­neh­mun­gen in Abes­si­ni­en aufzubringen.

Jetzt kamen die Kran­ken hin­ein, 30 an der Zahl. Den armen Chu­ri Soli­man, einen grie­chi­schen Pries­ter, des­sen Bein ampu­tirt wer­den soll, tra­gen die bei­den Wär­ter auf einem Lehn­stuhl hin­zu, ande­re kom­men auf Krü­cken, sich unter ein­an­der stüt­zend; der eng­li­sche Matro­se mit den tie­fen Brust­wun­den, der mein beson­de­rer Freund und ein eif­ri­ger Zuhö­rer mei­ner eng­li­schen Andach­ten ist, kann schon ziem­lich gera­de gehen, aber sein Nach­bar, unser Stamm­gast, der gera­de ein Jahr im Hos­pi­tal ist, wird den Kno­chen­fraß nicht los und zieht sich müh­sam hin­kend zur Thü­re hin­ein. Die Frau­en und Kin­der fol­gen, vie­le augen­krank, die in den Hin­ter­grund gesetzt wer­den, damit sie der Lich­ter­glanz nicht blen­de, wäh­rend ein erblin­de­tes Mäd­chen, das nicht von der Herr­lich­keit vor ihr ahnt, hin­ein­ge­lei­tet wird und nun ängst­lich in dem frem­den Raum steht.

Auf der ande­ren Sei­te sind als Ver­tre­ter der hie­si­gen Pro­tes­tan­ten Ame­ri­ka­ner, Eng­län­der, Fran­zo­sen, Ara­ber und Deut­sche. Es soll­te gezeigt wer­den, dass eine Stät­te barm­her­zi­ger Lie­be allen Deno­mi­na­tio­nen gehö­re, deren Inter­es­se an unse­rer Arbeit reger zu machen, der Grund der an sie ergan­ge­nen Ein­la­dung war. Dar­um soll­ten auch heu­te ver­schie­de­ne Geist­li­che Zeug­niß able­gen von der Bedeu­tung des Festes.

Wir stim­men das herr­li­che deut­sche Lied an. Stil­le Nacht, hei­li­ge Nacht! Und nun redet Rever­end Robert­son in eng­li­scher Spra­che von der hei­li­gen Freu­de der Chris­ten, mit den Armen und Elen­den zusam­men Fes­te zu fei­ern und vor Allem die­ses Fest! Dann spricht der Seni­or der Mis­si­on, der ehr­wür­di­ge Dr. Thom­son, ein hoch­ver­dien­tes Mit­glied unse­res Cura­to­ri­ums, ara­bisch, und die kran­ken Kin­der ant­wor­ten in dem Lie­de, das ihnen Schwes­ter Jaco­bi­ne vor­ge­spro­chen: Li ism Jesu Hale­lu! Dem Namen Jesu Preis und ehr! Dann nahm der Unter­zeich­ne­te das Wort zuerst in deut­scher Spra­che, um auf den Segen hin­zu­wei­sen, den ein solch‘ gemein­sa­mes Beken­nen des Glau­bens von Sei­ten der ver­schie­de­nen Natio­nen auch für die Stät­te brin­gen müs­se, auf der es geschah, um zu dan­ken für alle Gna­de Got­tes im ver­flos­se­nen Jahr, um der hei­mi­schen Wohl­thä­ter zu geden­ken und ihr Werk im hei­li­gen Lan­de dem gnä­di­gen Herrn zu befeh­len. Mit fran­zö­si­schem Gebet und Segen schloss die kur­ze Anspra­che. Dann sprach als Ver­tre­ter der Ara­ber, Mis­sio­nar Worta­bet, ein schö­nes, tief ergrei­fen­des ara­bi­sches Gebet, um die Fei­er zu schlie­ßen. Die Schwes­tern und die Mit­glie­der des Vor­stan­des über­reich­ten nun den Kran­ken ihre Gaben, die dafür mit ori­en­ta­li­scher Ueber­schwäng­lich­keit in Lob- und Dank­prei­sun­gen ausbrachen.

Die Nacht war gekom­men, aber im Hau­se der Barm­her­zig­keit war es hell vom Lich­ter­glanz und in den Her­zen hellt von rech­ter, hei­li­ger Weih­nachts­freu­de. O wie köst­lich ist es, die Geburt deß zu fei­ern, der die Elen­den und Kran­ken, die Müh­se­li­gen und Bela­de­nen zu sich rief, wenn man ihm die­nen darf und sich der Ver­hei­ßung getrös­ten: Wohl euch, was ihr gethan habt die­ser Gerings­ten einem, das habt ihr mir gethan!

Pfar­rer Edu­ard Ebel

aus: Wochen­blatt der Johanniter-​Ordens-​Balley Bran­den­burg, Ber­lin, Jg. 1869, S. 27f. (Nr. 5 vom 3. Febru­ar 1869)