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Eine langjährige, enge und vertrauensvolle Verbindung
Seit 70 Jahren besteht die Patenschaft der Stadt Celle für die Stadt und den Kreis Marienwerder
Am 18. Oktober 1953 unterzeichneten die Vertreter der Stadt Celle, Oberbürgermeister Heinrich und Oberstadtdirektor Krohn, die folgende Patenschaftsurkunde:
Die Stadt Celle übernimmt am heutigen Tage auf einstimmigen Beschluss des Rates die Patenschaft für die Stadt Marienwerder und den Kreis Marienwerder (Westpreußen). Sie bekundet damit feierlich die enge Verbundenheit mit ihren vertriebenen deutschen Brüdern und den Willen, für ihr Recht auf Heimat jederzeit einzutreten.
Als der Oberstadtdirektor dem damaligen Heimatkreisvertreter, Dompfarrer Bogdan, die Urkunde übergab, betonte er die ideelle Verpflichtung, die von der städtischen Verwaltung mit der Patenschaft übernommen worden sei.
Damit hatten die Vertriebenen eine Heimstatt in der Fremde, in der sie sich geborgen und verstanden fühlten konnten und wo die Kultur und Geschichte gepflegt und erhalten blieben. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg gab es Verbindungen zwischen den Städten Celle und Marienwerder: Beide Städte hatten ein Oberlandesgericht und ein Gestüt. In den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts haben auch Geschäftsverbindungen zwischen dem Oberlandesgericht Celle und dem Oberlandesgericht Marienwerder bestanden.
Außerdem wurde Oberlandesgerichtspräsident Karl Rasch, der von 1916 bis 1921 am Oberlandesgericht Marienwerder tätig gewesen war und aus dem Hannoverschen stammte, zum 1. April 1921 zurück in seine Heimatregion an das Oberlandesgericht Celle berufen.
Die Heimatkreistreffen waren von den Landsleuten immer gut besucht. Der Autor dieser Zeilen begleitete seine Mutter regelmäßig zu diesen Treffen. So erinnert er sich daran, dass das Treffen, bei dem die Stadt die Patenschaft offiziell übernahm, mit besonderen Feierlichkeiten auch auf dem Schützenplatz begangen wurde.
Nachfolgend entstanden die Schulpatenschaften zwischen Celler und Marienwerderer Schulen, so zwischen dem Ernestinum und dem Gymnasium, zwischen dem Auguste-Victoria-Gymnasium sowie der Hermann-Balk-Schule und schließlich zwischen der Realschule am Heiligen Kreuz und der Hindenburgschule. Auch der Celler Turnverein wurde zum „Patenonkel“ der Turner aus Westpreußen.
Die Heimatkreistreffen fanden immer an den Himmelfahrtswochenenden in Celle statt, und sie begannen mit der Goetz-Wanderung für die Turner und ihre Freunde. Während dieser Zusammenkünfte wurden auch immer die Schultreffen durchgeführt. In Celle kamen nun Verwandte, Freunde und Nachbarn wieder zusammen, und es konnten auch viele Schicksale aufgeklärt werden. In den 1950er und 1960er Jahren reisten rd. 2.000 Landsleute zu den Heimatkreistreffen an – aus dem europäischen Ausland, aus den USA, auch aus Israel und nicht zuletzt aus Mitteldeutschland. Der große Saal in der Union mit dem Muschelsaal war bis zum letzten Platz gefüllt. So geschah es einmal einer Besucherin aus den USA, dass sie nicht mehr hineingelassen werden konnte.
Stadtarchivar Dr. Michael Guenther leitete das inzwischen entstandene Stadtarchiv Marienwerder und beschaffte immer wieder weiteres Material aus westdeutschen Archiven. Das Marienwerderer Zimmer, das sich jetzt im Alten Rathaus befindet, wurde fachlich betreut und auch immer wieder erweitert; und zu den Heimatkreistreffen wurden regelmäßig Ausstellungen zu verschiedenen Themen gezeigt. Weitere Spuren hinterließ die Patenschaft in Celle mit Straßenbenennungen wie „Marienwerder-Allee“, „Garnseeweg“, „Balkstraße“, „Salzastraße“, „Von-Plauen-Straße“ oder „Salaterai“.
Schon 1992 wurde in Marienwerder die Gesellschaft der deutschen Minderheit gegründet. Manfred Ortmann, der Gründungsvorsitzende, konnte zum 20-jährigen Jubiläum am 28. Juni 2012 zahlreiche Gäste begrüßen, darunter die deutsche Generalkonsulin Annette Klein aus Danzig, aus Deutschland den Vorsitzenden der Landsmannschaft Westpreußen, Ulrich Bonk, sowie die Heimatkreisvertreterin Karin Kaiser-Damrau. Die Deutsche Minderheit in Kwidzyn ist seit langem ein fester Bestandteil des kulturellen und politischen Lebens und konnte 2022 wiederum mit einer großen Feier ihr 30-jähriges Bestehen begehen.
Für die Weiterentwicklung der grenzüberschreitenden Kontakte war die kurze Zeit später vereinbarte Städtepartnerschaft der Stadt Celle mit der heute polnischen Stadt Marienwerder, die seit 1945 Kwidzyn heißt, von besonderer Bedeutung. Die Vereinbarung wurde am 8. April 1993 von Oberbürgermeister Dr. Herbert Severin und Oberstadtdirektor Dr. Biermann für die Stadt Celle sowie von Bürgermeister Godzik und dem Stellvertretenden Stadtverordnetenvorsteher Gorlewicz im Remter des Schlosses unterzeichnet. Diese Städtepartnerschaft eröffnet der Patenschaft mit der ehemals deutschen Stadt eine wesentliche Perspektive auf die Gegenwart und Zukunft; und sie hat sich als äußerst lebensfähig erwiesen, denn es finden zahlreiche kulturelle und sportliche Begegnungen statt. Zudem besteht auch ein Schüleraustausch zwischen dem Ernestinum in Celle mit dem Gymnasium in Kwidzyn.
Auch der Heimatkreis Marienwerder hat eine gute Verbindung zur Stadtverwaltung Kwidzyn und zu Frau Dr. Liguz, der dortigen Historikerin. Dazu gehört zum Beispiel die Zeitschrift „Schody Kawowe“ [Kaffeetreppe], in der geschichtliche Themen behandelt werden.
Seit 1994 organisierte der Heimatkreisvertreter Dr. Wilhelm Krüger Reisen in die Heimat – nach Marienwerder, Danzig und weitere Orte in Ost- und Westpreußen –, deren Vorbereitung und Durchführung inzwischen von Siegfried Schott übernommen worden sind.
Zudem errichtete der Heimatkreis Gedenksteine auf Friedhöfen in der Stadt und im Kreis Kwidzyn. Und nicht zuletzt war und ist er durch eine Reihe von Publikationen hervorgetreten. Hierzu gehören die Heimatbücher für die Stadt und das Kreisgebiet, die „Kleine Weichselzeitung“ und die Mitteilungen der Hermann-Balk- Schule. Eigens hervorgehoben zu werden verdienen die aufwändigen und wertvollen Dorfbeschreibungen, die von Claus Porgan erarbeitet worden sind.
Der Rückblick auf die 70 Jahre von 1953 bis heute gibt Anlass, für diese lange gemeinsame und stets von gegenseitiger Sympathie getragene Zeit sehr dankbar zu sein.
Zu unseren Zusammenkünften konnten in der letzten Zeit allerdings nur noch wenige Teilnehmer kommen; so war es leider auch nicht möglich, in diesem Jahr eine angemessene Festveranstaltung zu organisieren. Das Heimatkreistreffen im Mai 2024 aber wird nun unter dem Motto stehen: „70 Jahre Patenschaft der Stadt Celle mit der Stadt und dem Kreis Marienwerder“.
Franz Liß, Heimatkreisvertreter