Westpreußen-​​Kongress 2016

Weit über 100 Teil­neh­mer konn­te Bun­des­vor­sit­zen­der Ulrich Bonk begrü­ßen, die aus Deutsch­land, Polen und Kana­da zum dies­jäh­ri­gen Westpreußen-​​Kongress nach Waren­dorf gekom­men waren. Der Stell­ver­tre­ten­de Bun­des­vor­sit­zen­de Til­man Asmus Fischer führ­te in das The­ma „Refor­ma­ti­on und die Eine Welt – Refor­ma­ti­on an der Weich­sel“ ein und wies auf die kul­tu­rel­le Viel­falt Euro­pas hin, die sich in West­preu­ßen wie in einem Brenn­glas spiegelte.

Im ers­ten Teil der Tagung gaben drei his­to­rio­gra­fi­sche Vor­trä­ge Ein­blick in grund­le­gen­de Fra­ge­stel­lun­gen der west­preu­ßi­schen Reformationsgeschichte.

„Und sie­he die Wun­der, nach Preu­ßen eilt in vol­ler Fahrt und mit vol­len Segeln das Evan­ge­li­um. Das Evan­ge­li­um geht auf und schrei­tet fort in Liv­land, so wun­der­bar ist Chris­tus.“ Mit die­sem Luther-​​Zitat eröff­ne­te PD  Dr. Sven Tode aus Ham­burg sei­nen Vor­trag über die Refor­ma­ti­on in den klei­nen Städ­ten West­preu­ßens. Er schil­der­te die Ent­wick­lun­gen in u. a. Schlochau, Konitz, Stuhm, Christ­burg, Mari­en­burg, Mari­en­wer­der, Neu­stadt, Put­zig, Grau­denz und Dir­schau. Die vor­lie­gen­den Quel­len beträ­fen das täg­li­che Leben und beleg­ten vie­le Schwie­rig­kei­ten, denen sich die Geist­li­chen aus­ge­setzt sahen. Die Pro­ble­me waren nicht nur wirt­schaft­li­cher bzw. ­finan­zi­el­ler Art: Eige­ne theo­lo­gi­sche Kennt­nis­se der Gemein­den hät­ten manch­mal zu obstruk­ti­vem Ver­hal­ten bei der Ein­füh­rung neu­er Pfar­rer geführt; wer mit dem Pre­digtstil nicht zufrie­den war, ging ins Nach­bar­dorf. Hier gebe es im Gegen­satz zu den gro­ßen Städ­ten (­Dan­zig und Thorn) durch­aus noch Nach­hol­be­darf in der Forschung. 

Prof.  Dr. Hans-​​Jürgen Bömel­burg aus Gie­ßen erläu­ter­te Luther­tum, Refor­mier­te (Cal­vi­nis­ten) und Katho­li­ken – Kon­fes­sio­nel­le und Früh­na­tio­na­le Trenn­li­ni­en im Preu­ßen­land. Unter König Sigis­mund  I. sei die refor­ma­to­ri­sche Bewe­gung in Preu­ßen König­li­chen Anteils bis in die 1550er Jah­re eine gedul­de­te, etwas im Unter­grund agie­ren­de Gemein­schaft gewe­sen. Die Katho­li­sche Reform hät­te zur Grün­dung zahl­rei­cher Jesui­ten­kol­legs geführt. Die­se boten eine kos­ten­lo­se huma­nis­ti­sche Bil­dung und wur­den auch von Pro­tes­tan­ten besucht, ohne dass die­se in ihrer Gän­ze kon­ver­tiert sei­en. Neben den bei­den gro­ßen Kir­chen exis­tier­ten in Preu­ßen vie­le klei­ne­re reli­giö­se Gemein­schaf­ten (Täu­fer­be­we­gung, Men­no­ni­ten, Böh­mi­sche Brü­der, Schle­si­sche Pia­s­ten, Anti­tri­ni­ta­ri­er, Unita­ri­er, jüdi­sche Gemein­den). Kon­fes­sio­nel­le und natio­na­le Gren­zen ent­stan­den erst im 18.  Jahr­hun­dert (Thor­ner Blut­ge­richt 1724). Bis­her gebe es eine brei­te pol­ni­sche For­schung zu die­sen The­men, jedoch wenig von deut­scher Sei­te. Der Refe­rent appel­lier­te an deut­sche und pol­ni­sche For­scher, sich zu ver­net­zen, um gemein­sam wei­ter zu forschen. 

Mit der Refor­ma­ti­on im Han­se­raum: Kauf­leu­te, Bücher und Sank­tio­nen befass­te sich Dr. Anja Rasche aus Lübeck. Han­se und Refor­ma­ti­on sei­en durch die Per­so­nen der Kauf­leu­te eng mit­ein­an­der ver­floch­ten gewe­sen. So tra­ten die­se als Gläu­bi­ge, Bil­der­stif­ter und Händ­ler in Erschei­nung. Vor allem das neue Medi­um Buch­druck war von gro­ßer Bedeu­tung für die Aus­brei­tung und den Erfolg der refor­ma­to­ri­schen Ideen. Luthers Schrif­ten wur­den in Han­se­städ­ten gedruckt und mit Hil­fe des Dis­tri­bu­ti­ons­net­zes der Han­se ver­brei­tet. So gelang­ten sei­ne Ideen über alle Sprach­bar­rie­ren und Gren­zen hin­weg in ver­meint­lich ent­le­ge­ne Gebie­te, z. B. nach Lon­don, Reval usw. Ins­ge­samt sei die Refor­ma­ti­on im Han­se­raum ein fas­zi­nie­ren­des For­schungs­feld, auf dem es noch viel zu ent­de­cken gebe. 

An den refor­ma­ti­ons­ge­schicht­li­chen Vor­trags­zy­klus schlos­sen zwei Arbeits­grup­pen an, die sich mit der aktu­el­len Aneig­nung und Erhal­tung des pro­tes­tan­ti­schen Erbes im unte­ren Weich­sel­land (AG 1) und mit dem Copernicus-​​Forscher Pro­fes­sor Hans Schmauch (AG 2, sie­he Kas­ten) befass­te. In AG 1 berich­te­ten exem­pla­risch Han­no Schacht über die denk­mal­pfle­ge­ri­sche Pro­jek­te in Mari­en­wer­der, Sibyl­le Dre­her über die Revi­ta­li­sie­rung evan­ge­li­scher Fried­hö­fe in der Repu­blik Polen und Rein­hard Wen­zel über das aktu­el­le For­schungs­pro­jekt zur Erstel­lung des „Alt­preu­ßi­schen Pfarrerbuches“.

Über die aktu­el­le Situa­ti­on der Kir­chen in Polen infor­mier­ten im zwei­ten Teil der Tagung zwei Ref­en­ten aus Warschau.

Prof.  Dr. Karol Sauer­land berich­te­te über Kirche(n) und Reli­gi­on in Polen – ihre gesell­schaft­li­che und poli­ti­sche Bedeu­tung im 21. Jahr­hun­dert, wobei die katho­li­sche Kir­che als die mit Abstand größ­te in Polen im Zen­trum des Vor­trags stand. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg sowie mit der Wahl von Karol Woj­ty­ła zum Papst erleb­te sie einen bedeu­ten­den Auf­schwung. Sie finan­zie­re sich haupt­säch­lich aus Spen­den, wobei die Spen­den­be­reit­schaft in Polen ungleich höher sei als bei­spiels­wei­se in Deutsch­land. Ledig­lich die Militär- und Poli­zei­seel­sor­ger wür­den vom Staat bezahlt. Heu­te stel­le der pol­ni­sche Katho­li­zis­mus eine Lebens­form dar und habe wenig mit Glau­ben zu tun, auch wenn sich 87 % der Bevöl­ke­rung als katho­lisch bezeichneten. 

Die aktu­el­le Lage der luthe­ri­schen Dia­spo­ra in der Repu­blik Polen beleuch­te­te Dr. Jer­zy Soj­ka. Sie fir­miert unter der Bezeich­nung „Evangelisch-​​augsburgische Kir­che in Polen“ und hat 71.000 Mit­glie­der, was 0,2 % der Bevöl­ke­rung ent­spricht. Eben­so wie die katho­li­sche ­finan­zie­re sich auch die evan­ge­li­sche Kir­che weit­ge­hend aus Spen­den; Militär- und Poli­zei­seel­sor­ger wür­den vom Staat bezahlt. Die weni­gen Pfar­rer wären meis­tens für vier teils weit aus­ein­an­der lie­gen­de Gemein­den zustän­dig. Zusätz­lich zu den Auf­ga­ben im Hei­mat­land betreu­ten sie auch im Aus­land leben­de evan­ge­li­sche Polen (z. B. in Deutsch­land, Groß­bri­tan­ni­en, Irland und den Nie­der­lan­den). Fer­ner gebe es eine Zusam­men­ar­beit mit evan­ge­li­schen Kir­chen im Aus­land sowie eine Internet-​​Seite der pol­ni­schen evan­ge­li­schen Bewe­gung. Dia­ko­nie und Cari­tas führ­ten in Polen öku­me­ni­sche Aktio­nen durch, auch mit den ortho­do­xen Gemein­den. Lei­der gebe es fast kei­ne Lehr­bü­cher für evan­ge­li­sche Theo­lo­gie in pol­ni­scher Spra­che, so dass die Stu­den­ten zunächst ein­mal Deutsch ler­nen müss­ten, um über­haupt ihr Stu­di­um in Angriff neh­men zu kön­nen. Für 2017 sei­en zwei Pro­jek­te geplant: die Her­aus­ga­be eines evan­ge­li­schen Kate­chis­mus sowie eine ein­fach beschrie­be­ne Geschich­te der Refor­ma­ti­on aus evan­ge­li­scher Perspektive. 

Den Abschluss­vor­trag hielt der Bun­des­vor­sit­zen­de der Paneuropa-​​­Jugend, Fran­zis­kus Pos­selt aus Mün­chen, über 500 Jah­re Refor­ma­ti­on: Poli­ti­sche Her­aus­for­de­run­gen und Per­spek­ti­ven für Euro­pa. Bis 1500 habe man es mit einem Euro­pa der geist­li­chen Ein­heit zu tun gehabt, in dem an allen 66 Uni­ver­si­tä­ten in latei­ni­scher Spra­che gelehrt wor­den sei. Die Refor­ma­ti­on habe nicht nur geist­li­che, son­dern auch gesell­schafts­po­li­ti­sche Ver­än­de­run­gen bewirkt, zu denen neue Staats­grün­dun­gen und häu­fig die Tren­nung von Kir­che und Staat gehör­ten. Dies hät­te auch heu­te noch Aus­wir­kun­gen auf die Bemü­hun­gen um die euro­päi­sche Eini­gung. Der Refe­rent erläu­ter­te die Ent­ste­hungs­ge­schich­te und Zie­le der Paneuropa-​​Union und stell­te fest, dass es 500 Jah­re nach der Refor­ma­ti­on eine gro­ße Auf­ga­be gäbe: die euro­päi­sche Eini­gung. Die­se sol­le zu einer Ein­heit in der Viel­falt, einer Öku­me­ne der Völ­ker und Chris­ten sowie einem Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl aller Euro­pä­er führen. 

Nach allen Vor­trä­gen nutz­ten die Teil­neh­mer die Gele­gen­heit zur Dis­kus­si­on mit den Refe­ren­ten. Wäh­rend des fei­er­li­chen Abschlus­ses des Kon­gres­ses wur­den zwei ver­dien­te West­preu­ßen für ihren lang­jäh­ri­gen und viel­fäl­ti­gen Ein­satz jeweils mit der Westpreußen-​​­Medaille geehrt: Mar­tin Hol­land und Sibyl­le Dre­her. In sei­nem Schluss­wort dank­te Ulrich Bonk für die finan­zi­el­le För­de­rung der Tagung durch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern und der Bun­des­be­auf­trag­ten für Kul­tur und Medi­en aus Mit­teln des Kul­tur­re­fe­rats für Westpreußen. 

■ Hei­drun Ratza-Potrÿkus