Vom 24. bis zum 26. Sep­tem­ber fand unter dem Titel „West­preu­ßen“ nach dem defi­ni­ti­ven Unter­gang der preu­ßi­schen Pro­vinz im Jah­re 1920 der dies­jäh­ri­ge Kon­gress der West­preu­ßi­schen Gesell­schaft statt. Dass er als „span­nen­des“ Expe­ri­ment bezeich­net wird, liegt zum einen an der wohl dau­er­haft pro­ble­ma­ti­schen his­to­ri­schen Pha­se der Jah­re von 1920 bis 1945, der er sich zuge­wandt hat; zum ande­ren aber dar­an, dass er als Online-​​Veranstaltung durch­ge­führt wur­de. Die­se Form ist durch die Zwän­ge der Covid-​​19-​​Pandemie seit dem letz­ten Jahr schon durch­aus üblich gewor­den und wird von nahe­zu allen Orga­ni­sa­tio­nen als ein­zi­ge Alter­na­ti­ve zum völ­li­gen Abbre­chen ihrer Außen­ak­ti­vi­tä­ten gewählt. In den Krei­sen der West­preu­ßen ist solch ein Ange­bot aber wohl immer noch ein gewag­tes Unter­fan­gen, so dass die­se Tagung gera­de in die­ser Hin­sicht von Beginn an – und bis zum Ein­gang der Eva­lua­ti­ons­bö­gen – äußerst „span­nend“ blieb.

Blick ins Stu­dio in Leip­zig, von dem aus auch unse­re (von den letz­ten Kon­gres­sen schon ver­trau­te) Dol­met­sche­rin Anna Władyka-​​Leittretter wie­der zuver­läs­sig für die Zwei­spra­chig­keit der gesam­ten Ver­an­stal­tung gesorgt hat.

Das The­ma

Im Janu­ar 1920 wur­den die Bestim­mun­gen des Ver­sail­ler Ver­tra­ges umge­setzt, so dass in die­sem Zuge auch die frü­he­re Pro­vinz West­preu­ßen auf­hör­te zu exis­tie­ren. Gleich­wohl bil­det „West­preu­ßen“ bis heu­te – und jetzt somit schon seit mehr als 100 Jah­ren – einen für Deut­sche wie für Polen äußerst wich­ti­gen his­to­ri­schen Ori­en­tie­rungs­raum, der jeweils mit schwer­wie­gen­den Kon­flik­ten und trau­ma­ti­sie­ren­den Erfah­run­gen ver­bun­den ist. Dazu zäh­len ins­be­son­de­re die Über­füh­rung gro­ßer Gebie­te der preu­ßi­schen Pro­vinz als Teil des soge­nann­ten „Kor­ri­dors“ in das Staats­ge­biet des wie­der­be­grün­de­ten Staa­tes Polen sowie die „Wie­der­ge­win­nung“ West­preu­ßens durch den Über­fall des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land auf Polen im Sep­tem­ber 1939 und die Errich­tung des bis 1945 bestehen­den „Reichs­gaus Danzig-Westpreußen“.

Die­se his­to­ri­schen Kon­stel­la­tio­nen rück­te der Kon­gress dezi­diert ins Zen­trum sei­ner Fra­ge­stel­lung. Dies war inso­fern unge­wöhn­lich, als eine spe­zi­fisch „west­preu­ßi­sche“ Per­spek­ti­ve die Jah­re von 1920 bis 1945 stets vor dem Hori­zont der anschlie­ßen­den Pha­se von Flucht und Ver­trei­bung in den Blick näh­me und dar­aus ein argu­men­ta­ti­ves Gerüst zur Dis­kus­si­on von Fra­gen gewän­ne, die sich dann um das Ver­hält­nis z. B. von his­to­ri­scher Ursa­che und Wir­kung oder um die Ver­gleich­bar­keit und die Schwe­re­gra­de von im Krieg began­ge­nen Ver­bre­chen drehten.

Dass sich die­ser Kon­gress gera­de an die­sem Punkt um eine alter­na­ti­ve Ori­en­tie­rung bemü­hen woll­te, such­te der Tagungs­lei­ter, Prof. Dr. Erik Fischer (Bonn), am ers­ten Abend zunächst ein­füh­rend zu ver­deut­li­chen. Er erläu­ter­te die bis heu­te domi­nie­ren­den deut­schen und pol­ni­schen his­to­rio­gra­phi­schen Per­spek­ti­ven auf „West­preu­ßen“, die ein­an­der dia­me­tral gegen­über­stün­den und zu natio­na­len Nar­ra­ti­ven erstarrt wären und schwer­lich mit­ein­an­der kom­pa­ti­bel sein könn­ten. Dar­aus lei­te­te er den Ansatz der Tagung ab, die­se ver­schie­de­nen Erzäh­lun­gen als „Erzäh­lun­gen“ wahr­zu­neh­men, zu dis­ku­tie­ren und vor­ur­teils­frei zu prü­fen, ob sie nicht gera­de auch in den pro­ble­ma­ti­schen, wenn nicht kata­stro­phi­schen Pha­sen in eine über­grei­fen­de Bezie­hungs­ge­schich­te inte­griert wer­den könnten. 

Die­ses metho­di­sche Kon­zept ent­fal­te­te dar­auf­hin Dr. Kat­ja Bern­hard (Lüne­burg) in ihrem Eröff­nungs­vor­trag: Geschich­te in Sip­pen­haft? – Von der Beharr­lich­keit der Dis­kur­se und der Wider­stän­dig­keit der Objek­te. Dabei unter­zog sie den Begriff des „Kul­tur­er­bes“, der in letz­ter Zeit ger­ne ver­wen­det wird, um jen­seits poli­ti­scher Ver­stri­ckun­gen Gemein­sam­kei­ten zwi­schen Natio­nen zu gewin­nen, einer ein­ge­hen­den Kri­tik. Sie lenk­te den Blick auf die Zeit der Ent­ste­hung der preu­ßi­schen Pro­vinz West­preu­ßen und damit auf jene Pro­zes­se, in denen sich das Kon­zept eines deut­schen Kul­tur­er­bes in die­ser Regi­on kon­sti­tu­ier­te. Von dort aus ver­moch­te sie zu zei­gen, dass die­se Vor­stel­lung nach 1920 in Polen weder ein­fach zurück­ge­wie­sen noch gerad­li­nig über­nom­men wer­den konn­te. Statt­des­sen sei sie viel­mehr mit Vor­stel­lun­gen einer spe­zi­fi­schen pol­ni­schen Kultur- und Kunst­ge­schich­te zusam­men­ge­führt wor­den – mit Vor­stel­lun­gen, die ihrer­seits im lan­gen, vor­auf­ge­gan­ge­nen Jahr­hun­dert kon­fi­gu­riert wor­den wären und ande­re Bezugs­ho­ri­zon­te gesetzt hätten.

Die Online-​​Präsentation

Die the­ma­ti­sche Eröff­nung des Kon­gres­ses ging mit tech­ni­schen und struk­tu­rel­len Ein­füh­run­gen ein­her, denn zu Beginn der Abend­ver­an­stal­tung stell­ten sich den Teil­neh­mern, die vor ihrem Moni­tor einem You­Tube-Kanal folg­ten, Alex­an­der Klein­schrodt als „Mode­ra­tor“ und die Ver­fas­se­rin bzw. der Ver­fas­ser die­ses Berichts als „Chat-​​Redakteure“ für die pol­ni­schen und deut­schen Bei­trä­ge vor. An die­sen zusätz­li­chen Akteu­ren zeig­te sich bereits, dass ein Kon­gress, der im vir­tu­el­len Raum statt­fin­det, die seit Jah­ren ver­trau­te Form der Westpreußen-​​Kongresse nicht unmit­tel­bar im Inter­net abzu­bil­den ver­mag, son­dern deut­li­chen Ver­än­de­run­gen unter­zo­gen wer­den musste.

Dazu gehör­te auch die zeit­li­che Glie­de­rung der Tagung. Neben einem Projekt-​​Abend am Sams­tag, der stär­ker auf die Prä­sen­ta­ti­on und Inter­pre­ta­ti­on von Bild- und Film­do­ku­men­ten hin ange­legt war, fan­den zwei kom­pak­te Vor­mit­tags­ver­an­stal­tun­gen statt. Da vor der Tagung zu den geplan­ten sechs Vor­trä­gen unter­schied­li­che Mate­ria­li­en auf einer zwei­spra­chi­gen Arbeits­platt­form der Kongress-​​Webseite ange­bo­ten wur­den (und zur Nach­be­rei­tung auch noch wei­ter­hin ver­füg­bar sind), wur­den die – jeweils drei – Bei­trä­ge an den Vor­mit­ta­gen nur ver­knappt referiert.

Die Ein­rich­tung des „Kor­ri­dors“ (1920–1939)

Dr. Jens Boy­sen (War­schau) begann die­se Sek­ti­on mit Über­le­gun­gen zur Ver­mes­sung eines Kor­ri­dors, die den his­to­ri­schen Raum der Zeit ab 1920 erschlos­sen und schil­der­te, wie „das unte­re Weich­sel­land […] Teil des wie­der­erstan­de­nen Staa­tes Polen“ gewor­den ist. Zunächst wand­te er sich der Vor­ge­schich­te zu – bei­spiels­wei­se der ver­kehrs­tech­nisch und (militär-) geo­gra­phisch begrün­de­ten pol­ni­schen Argu­men­ta­ti­on in Ver­sailles, die durch­aus auch mit Inter­es­sen an einer ter­ri­to­ria­len Kon­trol­le des unte­ren Weich­sel­lan­des ein­her­ging, oder die Bemü­hun­gen, durch die Berück­sich­ti­gung der Kaschub­en den Anteil der Polen an den Zah­len der eth­ni­schen Bevöl­ke­rungs­sta­tis­tik zu erhö­hen. Danach schil­der­te er ein­ge­hend die Pro­zes­se der mili­tä­ri­schen Über­nah­me und der nach­fol­gen­den Ein­rich­tung einer Zivil­ver­wal­tung, ging auf die Schwie­rig­kei­ten ein, eine aus­rei­chen­de Zahl an pol­ni­schen Beam­ten für das neue Gebiet zu rekru­tie­ren und zeig­te, dass die preu­ßi­sche Gesetz­ge­bung teil­wei­se fort­ge­führt wur­de und die Woje­wod­schaft Pomor­ze eine weit­rei­chen­de Selbst­ver­wal­tung erhielt.

Die Kor­ri­dor­zeit nahm PD Dr. Bea­te Stört­kuhl (Olden­burg) in ihrem Vor­trag dann unter dem Aspekt Gdy­nia und Dan­zig – poli­ti­sche und archi­tek­to­ni­sche Kon­kur­ren­zen an der Ost­see in den Blick. Sie erläu­ter­te das Bemü­hen Polens, Gdy­nia zu einer höchst moder­nen euro­päi­schen Stadt zu ent­wi­ckeln, sowie die Gegen­kräf­te der Dan­zi­ger Archi­tek­ten­zir­kel an der TH, die sich vehe­ment gegen die „grau-​​weißen Klöt­ze“ auf der pol­ni­schen Sei­te, aber auch gegen alle ambi­tio­nier­te­ren Plä­ne aus der eige­nen Zunft wand­ten. Dadurch ent­warf sie ein plas­ti­sches Bild der Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen der „Bas­ti­on der pol­ni­schen Ost­see“ auf der einen und dem „Boll­werk des Deutsch­tums“ auf der ande­ren Seite.

Zum Abschluss der Refe­ra­te vom Sams­tag­vor­mit­tag sprach Prof. Dr. Bet­ti­na Schlü­ter (Bonn) über das The­ma: Eine unauf­hör­lich ‚blu­ten­de Wun­de‘ : Der deut­sche ‚Kampf um die Weich­sel‘ wäh­rend der Zwi­schen­kriegs­zeit. Dank ihrem metho­di­schen Ansatz eines Clo­se Rea­ding konn­te sie an einem von Erich Wer­ni­cke 1927 ver­fass­ten Text, der den Titel Das Deut­sche West­preus­sen trägt, eine sprach­li­che Dimen­si­on kennt­lich machen, die den fort­dau­ern­den Anspruch auf das Land an „bei­den Ufern der Weich­sel“ legi­ti­mie­ren soll. Dabei wur­de durch die Ana­ly­se anhand zen­tra­ler Begrif­fe und Kon­zep­te – ‚Kul­tur‘, ‚Natu­ra­li­sie­rung‘ und ‚Gren­ze‘ – ein­seh­bar, dass der „Unter­gang“ der „preu­ßi­schen Pro­vinz“ spe­zi­fi­sche Rede­wei­sen frei­setz­te, die von Beginn an auf eine „Trans­for­ma­ti­on“ des nach 1919 ein­ge­tre­te­nen Sta­tus Quo zielten. 

Die Zeit des „Reichs­gaus Danzig-​​Westpreußen“ (1939–1945)

Unter dem Ober­ti­tel Das ‚wie­der­ge­won­ne­ne Gebiet‘ an der Weich­sel refe­rier­te der Tagungs­lei­ter, der die­sen Part als „Lücken­fül­ler“ über­nom­men hat­te, über die „Errich­tung des ‚Reichs­gaus Danzig-​​Westpreußen‘“. Dabei folg­te er der Prä­mis­se, dass die his­to­ri­schen „Erzäh­lun­gen“ zum Gegen­stand der Betrach­tung gemacht wer­den soll­ten, und bemüh­te sich des­halb, an eini­gen Bei­spie­len das heu­te gesell­schaft­lich kodier­te Bild des „Reichs­gaus“ iko­no­gra­phisch zu erschlie­ßen. Auf die­sem Wege gelang­te er zu der The­se, dass die Vor­stel­lung einer historisch-​​­territorialen Kon­ti­nui­tät „West­preu­ßens“ bis zum Jah­re 1945 schwer­lich auf­recht­zu­er­hal­ten sei. 

Einen zen­tra­len Aspekt der revi­sio­nis­ti­schen Beset­zung und Inbe­sitz­nah­me des Weich­sel­lan­des dis­ku­tier­te Dr. Mar­tin Sprunga­la (Dort­mund) in sei­nem Vor­trag Von „Czer­sk“ nach „Hei­de­ro­de“: Das Ent­fer­nen sla­wi­scher Sprach­wur­zeln 1942. Er schil­der­te, dass die Par­tei­lei­ter im Rah­men der neu ein­ge­führ­ten Ver­wal­tungs­struk­tur, die von der Par­tei domi­niert wur­de, nach Belie­ben schal­ten und wal­ten konn­ten. In Danzig-​​Westpreußen sei­en die Umbe­nen­nun­gen nach einer zwei­jäh­ri­gen Vor­be­rei­tungs­zeit der Ver­wal­tung am 25. Juni 1942 – fast ein Jahr frü­her als im Wart­he­land – ver­öf­fent­licht wor­den und hät­ten nicht nur Dör­fer und Städ­te, son­dern auch die umlie­gen­de Geo­gra­phie wie Wäl­der, Seen und die Feld­flur betrof­fen. Dabei sei­en aber kei­ne all­ge­mei­nen ein­heit­li­chen Regeln vor­ge­ge­ben wor­den, viel­mehr wären ver­schie­de­ne, im Ein­zel­nen erkenn­ba­re Prin­zi­pi­en mit einer gewis­sen Belie­big­keit – und auch in Misch­for­men – zur Anwen­dung gekommen.

Zum Abschluss die­ser zwei­ten Sek­ti­on refe­rier­te Dr. Mag­da­le­na Lemańc­zyk (War­schau) auf Pol­nisch über: ‚Nasi‘ (die Eigenen/​​Unseren) und ‚obcy‘ (die Frem­den): Die Volks­tums­po­li­tik im Reichs­gau. Sie erläu­ter­te detail­liert die Grund­la­gen der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Bevöl­ke­rungs­po­li­tik in Pom­me­rel­len und die dadurch her­vor­ge­ru­fe­nen grund­stür­zen­den Ver­schie­bun­gen. Schluss­fol­gernd gelang­te sie zu der The­se, dass weder der Mythos des ewi­gen Deutsch­tums, der vor allem seit der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts ent­stand, noch der spä­te­re Nachkriegs­mythos des ewi­gen Polen­tums der Wirk­lich­keit in die­sen Gebie­ten ent­spro­chen hät­ten, da sie zu kei­ner frü­he­ren Zeit mono­kul­tu­rell oder mono­eth­nisch gewe­sen seien.

Eini­ge Zeit nach dem Ende des Kon­gres­ses hat eine erfreu­lich gro­ße Zahl der Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer ihre Eva­lua­ti­ons­bö­gen zurück­ge­sandt. Dass die Chat-​​Angebote kei­nen adäqua­ten Ersatz für eine per­sön­li­che Dis­kus­si­on bie­ten konn­ten und ins­ge­samt auch eine Prä­senz­ver­an­stal­tung vor­ge­zo­gen wür­de, deck­te sich mit den Erwar­tun­gen – und den eige­nen Emp­fin­dun­gen – der Ver­an­stal­ter. Gleich­wohl hat nie­mand aus­ge­schlos­sen, sich neu­er­lich für solch eine Online-​​Veranstaltung anzu­mel­den: Letzt­lich lässt sich das gewag­te Expe­ri­ment somit zu Recht auch als gelun­gen bezeichnen.

 ■ Til­man Asmus Fischer /​​ Joan­na Szkolnicka