Der Westpreußen-​​Kongress 2024 befasste sich mit politischen Dynamiken und kulturellen Herausforderungen der selbstständigen Provinz Westpreußen von 1878 bis 1920

West­preu­ßens kur­zes Sil­ber­nes Zeit­al­ter – Auf­bruch der preu­ßi­schen Pro­vinz in der Kai­ser­zeit lau­te­te der Titel des Westpreußen-​​Kongresses 2024, der vom 27. bis 29. Sep­tem­ber in Waren­dorf tag­te. Die gezielt ein­ge­lei­te­te Resti­tu­ti­on einer eigen­stän­di­gen Pro­vinz im Jahr 1878 kann als Beginn des »Sil­ber­nen Zeit­al­ters« West­preu­ßens bezeich­net wer­den, das sich bewusst auf das »Gol­de­ne Zeit­al­ter« der Herr­schaft des Deut­schen Ordens bezog. Die­se his­to­ri­sche Bezug­nah­me zei­tig­te jedoch eine ambi­va­len­te poli­ti­sche Dyna­mik: Wäh­rend West­preu­ßen nach der Reichs­grün­dung von 1871 eine beein­dru­cken­de öko­no­mi­sche Ent­wick­lung erleb­te, war die­se his­to­ri­sche Pha­se zugleich von einem wach­sen­den Natio­na­lis­mus auf deut­scher – und in Reak­ti­on hier­auf auch von pol­ni­scher – Sei­te geprägt. Die Poli­tik Preu­ßens und die Hal­tung der deut­schen Mehr­heits­be­völ­ke­rung, die das »Deutsch­tum« stark beton­ten, führ­ten zu einer zuneh­men­den Aus­gren­zung der pol­ni­schen und kaschu­bi­schen Volks­grup­pe. Sol­che natio­na­lis­ti­schen Ten­den­zen begüns­tig­ten die Poli­ti­sie­rung der Gesell­schaft und schu­fen Span­nun­gen, die die Sta­bi­li­tät der Regi­on unter­gru­ben. Der schein­ba­re Fort­schritt des »Sil­ber­nen Zeit­al­ters« war somit beglei­tet von gesell­schaft­li­chen Kon­flik­ten, die in der his­to­ri­schen Zäsur von 1919/​​1920 – der Auf­lö­sung der Pro­vinz nach dem Ers­ten Welt­krieg – mün­de­ten. So erwies sich die­ses Zeit­al­ter letzt­lich als ein »Tanz auf einem Vul­kan«. Unter die­sem aus­sa­ge­kräf­ti­gen Titel steht wie­der­um die gegen­wär­ti­ge Son­der­aus­stel­lung des West­preu­ßi­schen Lan­des­mu­se­ums. Im Zei­chen einer im ver­gan­ge­nen Jahr erneut auf­ge­nom­me­nen Zusam­men­ar­beit zwi­schen der West­preu­ßi­schen Gesell­schaft und dem West­preu­ßi­schen Lan­des­mu­se­um lud die­ses die Tagungs­teil­neh­mer zur inten­si­ven Aus­ein­an­der­set­zung mit der Aus­stel­lung ein. 

Zunächst aber eröff­ne­te Dr. Chris­ti­an Plet­zing (Flens­burg) am Abend des 27. Sep­tem­ber den Kon­gress mit einem Vor­trag unter dem Titel Auf­bruch und Eman­zi­pa­ti­on? Von der »Pro­vinz Preu­ßen« zur Wie­der­be­grün­dung der Pro­vinz West­preu­ßen 1878. Dabei zeich­ne­te der His­to­ri­ker die poli­ti­schen, gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen nach, die sie­ben Jah­re nach Grün­dung des Deut­schen Reichs zur Wie­der­her­stel­lung der Pro­vinz West­preu­ßen führ­ten. Vor­aus­ge­gan­gen war – im Anschluss an die Reor­ga­ni­sa­ti­on Preu­ßens nach dem Wie­ner Kon­gress von 1815 – die Ver­ei­ni­gung von Ost- und West­preu­ßen zur »Pro­vinz Preu­ßen« im Jahr 1829 unter Ober­prä­si­dent Theo­dor von Schön. Des­sen Ziel war es, ein neu­es preu­ßi­sches Lan­des­be­wusst­sein zu schaf­fen, das auf der Tra­di­ti­on des Deut­schen Ordens basier­te. Im 19. Jahr­hun­dert erleb­te die Pro­vinz dyna­mi­sche Ent­wick­lun­gen: Hat­te Königs­berg im Vor­märz als libe­ra­les poli­ti­sches Zen­trum gegol­ten, ent­wi­ckel­te sich nun Dan­zig ab den 1860er Jah­ren zur wirt­schaft­lich und poli­tisch füh­ren­den Stadt, unter­stützt durch den flo­rie­ren­den Han­del über den Dan­zi­ger Hafen und ver­schie­de­ne städ­ti­sche Moder­ni­sie­rungs­pro­jek­te. Die wach­sen­den wirt­schaft­li­chen und admi­nis­tra­ti­ven Unter­schie­de zwi­schen Ost- und West­preu­ßen führ­ten ab 1872 zu ver­stärk­ten For­de­run­gen nach einer Tei­lung der Pro­vinz, ins­be­son­de­re da West­preu­ßen sich in der gemein­sa­men Ver­wal­tung benach­tei­ligt fühl­te. Trotz inten­si­ver Lob­by­ar­beit und hit­zi­ger Debat­ten in Land­tag und Abge­ord­ne­ten­haus wur­de die Tren­nung zunächst abge­lehnt. 1877 setz­te sich die »Dan­zi­ger Agi­ta­ti­on« jedoch durch, und das Staats­mi­nis­te­ri­um stimm­te der Tei­lung zu. Am 1. April 1878 wur­de die Pro­vinz West­preu­ßen offi­zi­ell wie­der­her­ge­stellt – ein Erfolg, der als Auf­bruch hin zu einer neu­en regio­na­len Iden­ti­tät gefei­ert wurde.

PD Dr. Lutz Ober­dör­fer (Greifs­wald) refe­rier­te am Mor­gen des 28. Sep­tem­ber über Die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung der Pro­vinz West­preu­ßen im Deut­schen Kai­ser­reich. Sein Bei­trag beleuch­te­te den schwie­ri­gen Weg vom agra­ri­schen Hin­ter­land zu einer moder­nen Pro­vinz. Wäh­rend sich ein­zel­ne Regio­nen in eine Indus­trie­ge­sell­schaft wan­deln konn­ten, waren in ande­ren Tei­len West­preu­ßens zunächst noch die Abwan­de­rung von Arbeits­kräf­ten sowie die Rand­la­ge inner­halb des Kai­ser­reichs als nach­hal­tig hem­men­de Fak­to­ren eines sozio­öko­no­mi­schen Auf­schwungs spür­bar. Ober­dör­fer hob her­vor, dass dann vor allem der Aus­bau der Infra­struk­tur – ins­be­son­de­re des Eisen­bahn­net­zes – ab etwa 1900 einen Wen­de­punkt mar­kier­te: »West­preu­ßen war kein Still­stands­ge­biet, son­dern eine Regi­on des ver­zö­ger­ten Fort­schritts.« Den­noch blieb die wirt­schaft­li­che Dyna­mik ungleich ver­teilt: Wäh­rend Städ­te wie Dan­zig durch Groß­be­trie­be und die Hafen­ent­wick­lung flo­rier­ten, sta­gnier­ten länd­li­che Gebie­te trotz Fort­schrit­ten in der Land­wirt­schaft. Der Vor­trag schloss mit einer Ana­ly­se der poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen För­der­maß­nah­men, die die Grund­la­ge für eine regio­nal diver­si­fi­zier­te Wirt­schaft leg­ten: Wenn sie auch erst in den letz­ten Frie­dens­jah­ren des Kai­ser­reichs spür­ba­re Wir­kung zei­tig­ten, tru­gen sie doch zu einer gesell­schaft­li­chen Moder­ni­sie­rung sowie einer merk­li­chen Hebung des Lebens­stan­dards bei.

Im Zen­trum des Vor­trags Die Rück­be­sin­nung auf West­preu­ßens »Gol­de­nes Zeit­al­ter«: Das Pro­jekt des Deut­schen Ordens und sei­ne Voll­endung in der Hohenzollern-​​Herrschaft von Mar­tin Kosch­ny M. A. (Waren­dorf) stand die viel­schich­ti­ge his­to­ri­sche Rol­le des Deut­schen Ordens und des­sen spä­te­re ideo­lo­gi­sche Auf­la­dung durch die Hohenzollern-​​Dynastie. Der Refe­rent zeich­ne­te ein­drucks­voll den Weg des Ordens von sei­nen Ursprün­gen als Spi­tal­bru­der­schaft im Hei­li­gen Land bis zur Eta­blie­rung eines mäch­ti­gen Ordens­staa­tes im Ost­see­raum nach. Dabei akzen­tu­ier­te er, in wel­cher Wei­se die mili­tä­ri­schen, admi­nis­tra­ti­ven und mis­sio­na­ri­schen Akti­vi­tä­ten den Ordens­staat präg­ten und damit zur spä­te­ren Sti­li­sie­rung die­ser Epo­che als »Gol­de­nes Zeit­al­ter« West­preu­ßens bei­tru­gen. Sodann zeich­ne­te der Vor­trag jedoch auch die lang­sam vor­an­schrei­ten­de Schwä­chung des Ordens durch exter­ne Kon­flik­te, ins­be­son­de­re mit Polen-​​Litauen, sowie die inter­ne Säku­la­ri­sie­rung im Jahr 1525 nach. In einem zwei­ten Schritt arbei­te­te Kosch­ny die Instru­men­ta­li­sie­rung des his­to­ri­schen Erbes des Deut­schen Ordens durch die Hohen­zol­lern ab dem 19. Jahr­hun­dert her­aus. Beson­ders die Restau­rie­rung der Mari­en­burg sowie die pom­pö­se Fei­er zur Eröff­nung von Hoch­schloss und Schloss­kir­che 1902 unter Kai­ser Wil­helm II. ver­deut­lich­ten, wie die mit­tel­al­ter­li­che Sym­bo­lik des Ordens für die preußisch-​​deutsche Natio­na­li­tä­ten­po­li­tik nutz­bar gemacht wur­de. Der Kai­ser selbst ent­warf das Nar­ra­tiv einer his­to­ri­schen Kon­ti­nui­tät bis in die eige­ne poli­ti­sche Gegen­wart und erklär­te in sei­ner Rede: »Jetzt ist es wie­der so weit. Pol­ni­scher Über­mut will dem Deutsch­tum zu nahe tre­ten, und ich bin gezwun­gen, mein Volk auf­zu­ru­fen zur Wah­rung sei­ner natio­na­len Güter.« Der Vor­trag eröff­ne­te einen kri­ti­schen Blick auf die ideo­lo­gi­schen Ver­zer­run­gen, die sich aus der Glo­ri­fi­zie­rung des Deut­schen Ordens zum Natio­nal­my­thos im Deut­schen Reich erga­ben, und bot damit ein ein­drucks­vol­les Bei­spiel für die Wir­kungs­macht die­ser Geschichtskonstruktion.

Mar­tin Kosch­ny, der seit die­sem Jahr das West­preu­ßi­sche Lan­des­mu­se­um lei­tet, blieb dem Audi­to­ri­um nach sei­nem Vor­trag als Gesprächs­part­ner erhal­ten. In einem gemein­sa­men Work­shop mit dem Tagungs­lei­ter und Vor­sit­zen­den der West­preu­ßi­schen Gesell­schaft, Prof. Dr. Erik Fischer, erar­bei­te­te er zusam­men mit dem Publi­kum (und mode­riert durch den Bericht­erstat­ter) Grund­li­ni­en einer musea­len Dar­stel­lung des Pro­blem­krei­ses, mit dem sich der Kon­gress befass­te. Die­se Dis­kus­si­on erschloss auf die­se Wei­se zugleich zen­tra­le kon­zep­tio­nel­le Ansät­ze der gegen­wär­ti­gen Son­der­aus­stel­lung des Landesmuseums.

Im Anschluss an die­se museo­lo­gi­schen Erkun­dun­gen hat­ten die Teil­neh­mer des Kon­gres­ses Gele­gen­heit, die Aus­stel­lung selbst in den Blick zu neh­men. Im klug durch­dach­ten Arran­ge­ment der viel­fäl­ti­gen Doku­men­te wer­den die poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Ent­wick­lun­gen der wie­der­ent­stan­de­nen Pro­vinz eben­so dar­ge­stellt wie ihre inne­ren Kon­flik­te und Wider­sprü­che. Ein Zeit­strahl ver­an­schau­licht die Ver­flech­tung unter­schied­li­cher Ereig­nis­se, wäh­rend zwölf Emble­ma­ta als sym­bo­li­sche Sinn­bil­der die prä­gen­den Kräf­te die­ser Epo­che erschlie­ßen. Raum­kör­per und Bio­gra­phien pro­mi­nen­ter Per­sön­lich­kei­ten geben Ein­bli­cke in die facet­ten­rei­chen gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hän­ge die­ser Zeit und ver­mit­teln einen plas­ti­schen Ein­druck von den Span­nun­gen zwi­schen deut­schen und pol­ni­schen Kulturträgern. 

Zurück­ge­kehrt ins Tagungs­haus, beleuch­te­te Prof. Dr. Jens Boy­sen (War­schau) in sei­nem Vor­trag Natio­na­le Spal­tung statt regio­na­ler Inte­gra­ti­on: Die Polen­po­li­tik im Deut­schen Reich und ihre Kon­se­quen­zen für die Pro­vinz West­preu­ßen die his­to­ri­sche Ent­wick­lung der Bezie­hun­gen zwi­schen dem deut­schen Staat und der pol­ni­schen Volks­grup­pe in den Ost­pro­vin­zen des Kai­ser­reichs und stell­te dabei West­preu­ßen in den Fokus. Der Vor­trag begann mit einer Ana­ly­se der demo­gra­fi­schen und wirt­schaft­li­chen Struk­tur West­preu­ßens, das im Ver­gleich zur Pro­vinz Posen eine stär­ke­re deut­sche Prä­gung auf­wies, wes­halb sich hier auch die deut­sche Polen­po­li­tik weni­ger dras­tisch aus­wirk­te. Detail­liert beleuch­te­te Boy­sen die »Ost­flucht« und die Ansied­lungs­po­li­tik des Deut­schen Rei­ches. Er zeig­te, dass Maß­nah­men wie das Ansied­lungs­ge­setz von 1886, das den Zuzug deut­scher Bau­ern för­dern soll­te, nur begrenz­te Erfol­ge erziel­ten. Statt­des­sen stieg die wirt­schaft­li­che und orga­ni­sa­to­ri­sche Stär­ke der pol­ni­schen Bevöl­ke­rung durch die Ent­ste­hung genos­sen­schaft­li­cher Struk­tu­ren und Ban­ken. Beson­de­re Auf­merk­sam­keit wid­me­te der Refe­rent dem Kul­tur­kampf, der nicht nur die pol­ni­sche, son­dern auch die katho­li­sche deut­sche Bevöl­ke­rung betraf. Die­se Aus­ein­an­der­set­zun­gen führ­ten zu einer Soli­da­ri­sie­rung mit der Kir­che und einer stär­ke­ren Ori­en­tie­rung der Polen an ihrer eige­nen natio­na­len Iden­ti­tät. Boy­sen beton­te: »Die Polen­po­li­tik des Kai­ser­reichs hat vor allem eines bewirkt: Sie stärk­te das Bewusst­sein für die Eigen­stän­dig­keit der pol­ni­schen Nati­on.« Abschlie­ßend reflek­tier­te der Refe­rent die lang­fris­ti­gen Fol­gen der Polen­po­li­tik, ins­be­son­de­re die Zer­stö­rung gewach­se­ner Struk­tu­ren nach dem Ers­ten Welt­krieg, die dar­auf ziel­te, die Ansied­lungs­po­li­tik rück­gän­gig zu machen, und in den fol­gen­den Jah­ren vie­le Deut­sche ver­dräng­te. Der Vor­trag ver­deut­lich­te, wie die poli­ti­schen Maß­nah­men nicht nur das Zusam­men­le­ben eth­ni­scher Grup­pen beein­träch­tig­ten, son­dern auch unge­wollt zur pol­ni­schen Nati­ons­bil­dung beitrugen.

Beschlos­sen wur­de der Sams­tag durch die (in der vor­her­ge­hen­den Aus­ga­be doku­men­tier­te) Ver­lei­hung der Westpreußen-​​Medaille 2024 an Piotr Ole­cki, den Grün­der und Lei­ter des »Mili­tär­his­to­ri­schen Muse­ums« in Thorn.

Joan­na Stanclik M. A. (Thorn) nahm am Mor­gen des 29. Sep­tem­ber die Zuhö­rer in ihrem Vor­trag Bekennt­nis­se zum Reich und zu Deutsch­land: Impe­ria­le Stadt­ar­chi­tek­tur und die Beset­zung des öffent­li­chen Raums in West­preu­ßen mit auf einen Spa­zier­gang durch die Archi­tek­tur­ge­schich­te Thorns und Dan­zigs. Dabei beleuch­te­te sie die Ent­wick­lung öffent­li­cher Bau­ten und deren sym­bo­li­sche Auf­la­dung im Kon­text der deut­schen und pol­ni­schen Geschich­te. In Dan­zig bil­de­ten das Alt­städ­ti­sche Rat­haus und der Artus­hof zen­tra­le Wahr­zei­chen, die sowohl in der Blü­te­zeit der Han­se als auch spä­ter die Iden­ti­tät der Stadt präg­ten. Mit der Urba­ni­sie­rung im 19. Jahr­hun­dert ent­stan­den neue reprä­sen­ta­ti­ve Bau­ten wie das Ober­prä­si­di­al­ge­bäu­de oder das Poli­zei­dienst­ge­bäu­de im Stil der Renais­sance. Der Abbruch der Fes­tungs­wäl­le ermög­lich­te die Errich­tung von Ver­wal­tungs­ge­bäu­den wie der Reichs­bank und dem Haupt­bahn­hof, die optisch durch eine Mischung aus Back­stein und Sand­stein auf­fie­len. Thorn wur­de durch sei­nen Fes­tungs­cha­rak­ter geprägt, der erst Ende des 19. Jahr­hun­derts durch die Stadt­er­wei­te­rung und die Pla­nung neu­er Wohn- und Mili­tär­vier­tel wie der Wil­helm­stadt auf­ge­lo­ckert wur­de. Auch hier domi­nier­te der Neu­re­nais­sance­stil, sicht­bar an Bau­ten wie dem König­li­chen Amts­ge­richt und der Refor­mier­ten Kir­che. Prä­gend war die Errich­tung von Kaser­nen und Miets­häu­sern, die den mili­tä­ri­schen und zivi­len All­tag ver­ein­ten. Die Refe­ren­tin ver­an­schau­lich­te die Ver­bin­dung von Archi­tek­tur und Macht, indem sie auf Denk­mä­ler und Gebäu­de hin­wies, die die preußisch-​​deutsche Herr­schaft sym­bo­li­sier­ten, dar­un­ter das Kaiser-​​Wilhelm-​​Denkmal. Ins­ge­samt ver­deut­lich­te der Vor­trag, wie Archi­tek­tur als Aus­drucks­mit­tel natio­na­ler Iden­ti­tät und poli­ti­scher Ambi­tio­nen ein­ge­setzt wurde.

Prof. Dr. Bet­ti­na Schlü­ter (Bonn) wie­der­um führ­te die Zuhö­rer in ihrem Vor­trag Far­ben – Töne – Wör­ter – Bil­der in, wie der Unter­ti­tel lau­te­te, Die Lan­des­sym­bo­le der auto­no­men preu­ßi­schen Pro­vinz West­preu­ßen ein. Im Mit­tel­punkt stan­den das West­preu­ßen­lied und das Pro­vin­zi­al­wap­pen, deren Ent­ste­hung und Wir­kung sie detail­liert ana­ly­sier­te. Zu Beginn beleuch­te­te sie die »per­for­ma­ti­ve Kraft« von Sym­bo­len, die abs­trak­te Ideen in greif­ba­re For­men über­set­zen und kol­lek­ti­ve Iden­ti­tät stif­ten. Sie zeig­te, wie das West­preu­ßen­lied durch sei­ne ein­gän­gi­ge Melo­die und den patrio­ti­schen Text die Ver­bun­den­heit zur Regi­on stärk­te. Die­se Hym­ne, 1901 gedich­tet, ent­wi­ckel­te sich beson­ders wäh­rend der Abstim­mungs­kämp­fe von 1920 zur kol­lek­ti­ven Aus­drucks­form einer Gemein­schaft, die sich als bedroht emp­fand. Schlü­ter beton­te die emo­tio­na­le Kraft des gemein­sa­men Sin­gens, das nicht nur Erin­ne­run­gen wach­hielt, son­dern auch poli­tisch mobi­li­sier­te. Das Pro­vin­zi­al­wap­pen stell­te die Refe­ren­tin als ein poli­tisch umkämpf­tes Sym­bol vor. Es reprä­sen­tie­re West­preu­ßens kom­ple­xe Geschich­te, in der sich Loya­li­tä­ten zwi­schen Deut­schem Orden, Polen und Preu­ßen durch­kreuz­ten. Die Ein­füh­rung des Wap­pens 1881 mit dem schwar­zen Adler und dem schwert­be­wehr­ten Arm spie­ge­le natio­na­le und regio­na­le Iden­ti­täts­kon­flik­te wider, die bis heu­te Nach­hall fin­den. Abschlie­ßend reflek­tier­te Schlü­ter den Bedeu­tungs­wan­del sol­cher Sym­bo­le. Die­se sind mitt­ler­wei­le Teil einer Erin­ne­rungs­kul­tur gewor­den, die die natio­na­le Ver­gan­gen­heit kri­tisch ein­zu­ord­nen und den euro­päi­schen Raum als gemein­sa­mes Kul­tur­er­be zu akzen­tu­ie­ren ver­mag. Ihr Vor­trag ver­band his­to­ri­sche Ana­ly­se mit der Refle­xi­on aktu­el­ler erin­ne­rungs­po­li­ti­scher Ten­den­zen und sen­si­bi­li­sier­te für die viel­schich­ti­ge Bedeu­tung his­to­ri­scher Symbole.

In der Abschluss­dis­kus­si­on tra­ten die viel­fäl­ti­gen Aspek­te der in den drei Tagen dis­ku­tier­ten Zugän­ge noch ein­mal deut­lich her­vor. Dabei zeig­te sich hier erneut, dass die Wei­se, in der heu­te West­preu­ßens »Sil­ber­nes Zeit­al­ter« erin­nert wer­den kann, nicht ein­di­men­sio­nal zu ver­ste­hen ist und viel­fäl­ti­ge Wahr­neh­mun­gen das Bild von die­sem his­to­ri­schen Zeit­raum prä­gen. In sei­nen Schluss­wor­ten dank­te der Tagungs­lei­ter allen Refe­ren­tin­nen sowie Refe­ren­ten und dar­über hin­aus dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern und für Hei­mat, das den Kon­gress durch sei­ne groß­zü­gi­ge finan­zi­el­le För­de­rung ermög­licht hatte.

 ■ Til­man Asmus Fischer