Der Westpreußen-​​Kongress verfolgte die verschlungenen Wege der Kaschuben im Land an der unteren Weichsel

Die Kaschub­en haben im west­preu­ßi­schen Geschichts­bild für lan­ge Zeit einen »wei­ßen Fleck« gebil­det: All­zu sehr war der Blick auf das deutsch-​​polnische Ver­hält­nis gerich­tet, so dass die­se zwei­te sla­wi­sche – und zudem unbe­streit­bar auto­chtho­ne – Eth­nie, die eben­falls einen eigen­stän­di­gen Anteil an der Ent­wick­lung des Lan­des erbracht hat, kaum Beach­tung fin­den konn­te. Inzwi­schen aber ist längst die Zeit gekom­men, die­se »Lücke« in der Erin­ne­rungs­kul­tur wei­ter zu fül­len. Die­ser Absicht wid­me­te sich auch der Westpreußen­-​​Kongress des Jah­res 2025, der vom 26. bis zum 28. Sep­tem­ber in Waren­dorf statt­ge­fun­den hat: Er soll­te, wie der Tagungs­lei­ter, Prof. Dr. Erik Fischer (Bonn), in sei­ner Ein­füh­rung erläu­ter­te, in ver­schie­de­nen Per­spek­ti­vie­run­gen die Geschich­te und Gegen­wart der Kaschub­en erschlie­ßen, die über Jahr­hun­der­te im Span­nungs­feld der jeweils hege­mo­nia­len deut­schen bzw. pol­ni­schen Bevöl­ke­rungs­grup­pen gelebt und in jün­ge­rer Zeit eine rela­ti­ve Auto­no­mie erlangt hätten.

Inner­halb des Pro­gramms soll­ten die bei­den Abend­ver­an­stal­tun­gen (am Frei­tag und Sams­tag) mit den Insti­tu­tio­nen und Tra­di­tio­nen bekannt­ma­chen, die das spe­zi­fisch »Kaschu­bi­sche« der Kul­tur reprä­sen­tie­ren: mit den Muse­en sowie – als einem cha­rak­te­ris­ti­schen, beson­ders popu­lä­ren Phä­no­men – dem folk­lo­ris­ti­schen Musi­zie­ren und Tanzen.

Dem ers­ten die­ser bei­den Berei­che wand­te sich Dr. Mag­da­le­na Pasewicz-​​Rybacka (Rah­mel) zu. Sie gab am Sams­tag­abend einen pro­fun­den Über­blick über »Das Netz des kul­tu­rel­len Gedächt­nis­ses: Muse­en der kaschu­bi­schen Kul­tur und Geschich­te«. Sie erläu­ter­te am Bei­spiel von Izy­dor und Teodo­ra Gul­gow­ski, wie stark die Stif­tung einer kaschu­bi­schen Iden­ti­tät mit der Doku­men­ta­ti­on, Archi­vie­rung und Prä­sen­ta­ti­on von All­tags­kul­tur und Kunst­ge­wer­be ver­schränkt gewe­sen ist. Die­ses Ehe­paar grün­de­te 1906 als eine der ers­ten Initia­ti­ven die­ser Art in Euro­pa das Frei­licht­mu­se­um in Sand­dorf (Wdzyd­ze) und bemüh­te sich neben dem Kon­ser­vie­ren auch inten­siv um eine Wie­der­be­le­bung der volks­tüm­li­chen hand­werk­li­chen und gestal­te­ri­schen Praktiken. 

Bei­spiel­haft für ent­spre­chen­de Bemü­hun­gen, die wäh­rend der Zwi­schen­kriegs­zeit an ver­schie­de­nen Orten wie Thorn oder Gdin­gen ein­setz­ten, stell­te die Refe­ren­tin Fran­cis­zek Tre­der vor, der die Grün­dung des eth­no­gra­phi­schen Muse­ums in Kart­haus vor­an­trieb. Nach 1945 ent­wi­ckel­te sich dann eine beein­dru­cken­de kaschubi-​​sche Muse­ums­land­schaft, zu der als fes­te Grö­ßen nun auch das Muse­um für Kaschubisch-​​Pommersche Lite­ra­tur und Musik in Neu­stadt, das seit 1970 in Put­zig auf­ge­bau­te »Florian-​​Ceynowa-​​Museum des Put­zi­ger Lan­des« oder das male­risch am Zar­no­wit­zer See gele­ge­ne Frei­luft­mu­se­um in Nado­le gehö­ren. Zu einem regel­rech­ten Netz sind die­se Orte der Erin­ne­rungs­kul­tur inzwi­schen durch eine Rei­he klei­ne­rer »Regio­nal­kam­mern«, »Hei­mat­stu­ben« oder auch Muse­en zu ein­zel­nen Künst­lern wie dem Bild­hau­er Józef Cheł­mow­ski mit­ein­an­der ver­knüpft worden. 

Unter dem Titel »Cassubia non can­tat? – Chor­ge­sang, Instru­men­tal­mu­sik und Tanz in der kaschu­bi­schen Kul­tur« führ­te Dr. Tomasz Fop­ke (Neu­stadt) am Sams­tag­abend dann in jenes Gebiet ein, das zu den ursprüng­li­chen Erschei­nungs­for­men der kaschu­bi­schen Kul­tur gehört: die Gesangs- und Instru­men­tal­mu­sik, die oft­mals Volks- bzw. Trach­ten­tän­ze beglei­tet. Dabei erin­ner­te die latei­ni­sche, modi­fi­ziert auf Taci­tus zurück­ge­hen­de Sen­tenz, nach der die Kaschub­en kei­ne Musik hät­ten, an die Dis­kre­di­tie­run­gen, denen sie immer wie­der aus­ge­setzt waren; denn für lan­ge Jahr­hun­der­te galt es als aus­ge­macht, dass – wie es der evan­ge­li­sche Pfar­rer Gott­lieb Lebe­recht Lorek 1821 for­mu­lier­te – »der Kas­su­be« auf einer der­art »nied­ri­gen Stu­fe der Geistes-​​Bildung« steht, auf der er »weder ­eigen­thümliche Sprüchwör­ter [!], noch Volks­lie­der hat. Daher hört man ihn auch nie der­glei­chen sin­gen. Stumm, freu­den­leer und gedan­ken­los bewegt er sich durch’s Leben.«

Dem­ge­gen­über konn­te der Refe­rent über­zeu­gend zei­gen, dass auch »der Kas­su­be« eine vielf älti­ge Musik­kul­tur ent­wi­ckelt hat. Die Chor­be­we­gung, die sich schon Ende des 19. Jahr­hun­dert for­miert hat­te, erhielt durch die Stär­kung des regio­na­len Bewusst­seins nach der poli­ti­schen Wen­de 1989 /​​ 90 wesent­li­che neue Impul­se; und jen­seits der Ste­reo­ty­pien einer tou­ris­tisch ver­wert­ba­ren »Volks­mu­sik« öff­ne­te sich die Per­spek­ti­ve auf ein kaum noch über­schau­ba­res Feld, das von der Kunst­mu­sik und der kir­chen­mu­si­ka­li­schen Pra­xis über die Folk­lo­re bis zu kaschu­bi­schen Rock‑, Pop- und Jazz-​​Einspielungen reicht. 

Neben den bei­den grund­le­gen­den Ein­füh­run­gen in das kul­tu­rel­le Reper­toire der Regi­on hat­te das Tagungs­pro­gramm eine Rei­he von fünf Vor­trä­gen vor­ge­se­hen, die jeweils ein­zel­ne Aspek­te der Gesamt­the­ma­tik dis­ku­tier­ten und vertieften.

Den Auf­takt bil­de­te Dr. Roland Bor­chers (Ber­lin), der die frü­he Geschich­te der kaschu­bi­schen Bewe­gung »Von Flo­ri­an Cey­no­wa über die Ehe­leu­te Gul­gow­ski bis zu Alek­san­der Maj­kow­ski« beleuch­te­te und dabei »Sub­stra­te und Kon­zep­te der kaschu­bi­schen (Volks-)Kultur« erschloss. Im Rah­men des­sen stell­te er die füh­ren­den Per­sön­lich­kei­ten mit ihren indi­vi­du­el­len Vor­stel­lun­gen und Ansät­zen vor, die durch­aus in unter­schied­li­che Rich­tun­gen wie­sen. Wäh­rend Flo­ri­an Cey­no­wa bei­spiels­wei­se das Kaschu­bi­sche als ­eigen­stän­di­ge Spra­che beschrieb, fass­te Hie­ro­nim Der­dow­ski es ledig­lich als Dia­lekt des Pol­ni­schen. (Damit wur­den kon­trä­re Sicht­wei­sen eta­bliert, die die Debat­te über die Auto­no­mie des Kaschu­bi­schen bis in die Gegen­wart hin­ein beein­flus­sen.) Die Gul­kow­skis wider­um kon­zen­trier­ten ihre Arbeit auf die All­tags­kul­tur und die Volks­kunst – Teodo­ra ent­wi­ckel­te Stick­mus­ter mit flo­ra­len Moti­ven und einer Fest­le­gung auf sie­ben Far­ben, die bis heu­te in Gebrauch sind –, wäh­rend Alek­san­der Maj­kow­ski als Füh­rungs­fi­gur der »Jung­ka­schub­en« stär­ker in den poli­ti­schen Raum hin­ein­zu­wir­ken trach­te­te. Ins­ge­samt bil­de­ten die­se Dis­kus­sio­nen, wie der Refe­rent aus­führ­te, aller­dings einen Eli­ten­dis­kurs, der die Bevöl­ke­rung bis zur Mit­te des 20. Jahr­hun­derts kaum erreichte.

Vor die­sem Hin­ter­grund ent­wi­ckel­te Roland Bor­chers ein Pan­ora­ma von Kom­po­nen­ten, die das Bild der kaschu­bi­schen (Volks-)Kultur bestim­men: die Spra­che, die ein wesent­li­ches Fun­da­ment für die kul­tu­rel­le Auto­no­mie legt, der Natur­raum mit sei­ner lieb­li­chen, mythisch auf­ge­la­de­nen Land­schaft und der Katho­li­zis­mus in sei­ner engen Ver­bun­den­heit zur pol­ni­schen Nati­on. Zudem nann­te er ergän­zen­de Merk­ma­le wie die dezen­tra­le Struk­tur der Regi­on, die Abgren­zung gegen­über dem Deutsch­tum oder die Ori­en­tie­rung an der »gro­ßen« Geschich­te der Kaschub­en im Mittelalter.

Im anschlie­ßen­den Vor­trag mach­te sich Dr. Alek­san­dra Kurowska-​​Susdorf (Gdin­gen) auf »Die Suche nach einer kaschu­bi­schen Iden­ti­tät« und ging die­se Fra­ge metho­disch aus der Per­spek­ti­ve ­einer teil­neh­men­den Beob­ach­te­rin an, die vor­nehm­lich Kana­di­er im fort­ge­schrit­te­nen Lebens­al­ter bei deren »Pil­ger­rei­se« zu den Wur­zeln der Fami­li­en­ge­schich­te beglei­tet und auf der Grund­la­ge die­ser Erfah­run­gen und inten­si­ven Ein­zel­in­ter­views »Inter­kul­tu­rel­le Bezie­hun­gen zwi­schen der kaschu­bi­schen Dia­spo­ra und der Her­kunfts­re­gi­on« ana­ly­siert. Im Rah­men die­ser Ana­ly­sen konn­te die Refe­ren­tin vielf älti­ge gene­ra­li­sier­ba­re Bedürf­nis­se und Vor­ge­hens­wei­sen beob­ach­ten – bei­spiels­wei­se, wenn die Rei­sen­den ver­su­chen, die Moti­va­ti­on der Vor­fah­ren zur Aus­wan­de­rung nach­zu­voll­zie­hen, beim »Iden­ti­täts­puz­zle« auch »Fami­li­en­ge­heim­nis­se« zu lüf­ten, sich detail­liert mit der Geschich­te der eige­nen Ursprungs­or­te zu beschäf­ti­gen oder die Bezie­hung zur Hei­mat durch die Sakra­li­sie­rung ein­zel­ner Momen­te zu über­hö­hen. So fes­tigt sich, wie die Vor­tra­gen­de schluss­fol­ger­te, die Iden­ti­tät der Dia­spo­ra in zykli­schen Ritua­len, die die Rück­kehr beglei­ten und ihr eine spe­zi­fi­sche Bedeut­sam­keit verleihen. 

Solch ein wech­sel­sei­ti­ger Aus­tausch stärkt bei Ein­zel­per­so­nen oder Fami­li­en das Bewusst­sein für die Her­kunft: er kann emo­tio­na­le Brü­cken zur Her­kunfts­re­gi­on auf­bau­en und Bio­gra­phien zu einem »Abschluss« brin­gen. Dar­über hin­aus füh­ren sol­che regel­mä­ßi­gen Inter­ak­tio­nen zur Kon­so­li­die­rung des Zusammengehörigkeits- und Selbst­wert­ge­fühls der Diaspora-​​Gemeinschaften, zur Bil­dung neu­er Nar­ra­ti­ve und zur grö­ße­ren Sicht­bar­keit des »Kaschub­entums«; und letzt­lich bil­det sich sogar ein trans­na­tio­na­les Erin­ne­rungs­netz­werk, das bei­de Sei­ten stärkt, Part­ner­schaf­ten zwi­schen Kom­mu­nen in Polen und in der Dia­spo­ra stif­tet und sowohl den Kul­tur­tou­ris­mus wie auch die Ent­ste­hung von Bil­dungs­pro­jek­ten fördert.

Einen lite­ra­ri­schen bzw. poe­ti­schen Zugang zur Kaschub­ei eröff­ne­te Prof. Dr. Peter Oli­ver Loew (Darm­stadt), der sich das The­ma »Mär­chen­land Kaschub­ei? Geschich­te und Geschich­ten zur eigent­li­chen Hei­mat des Gün­ter Grass« gestellt hat­te. In sei­nem Fest­vor­trag, den er als Lau­re­at nach der Ver­lei­hung des West­preu­ßi­schen Kul­tur­prei­ses 2025 hielt, ver­mit­tel­te er einen plas­ti­schen Ein­druck von einem Land, das über lan­ge Zeit immer »am Ran­de« lag, und – dem Buch­ti­tel von Izy­dor Gul­gow­ski aus dem Jah­re 1911 fol­gend – »Von einem unbe­kann­ten Vol­ke in Deutsch­land« bewohnt wur­de. Es eig­ne­te sich daher her­vor­ra­gend als Pro­jek­ti­ons­flä­che für die unter­schied­lichs­ten Wün­sche, Vor­stel­lun­gen und Sehn­süch­te. Die­se Idea­li­sie­rung hat­te, wie der Vor­tra­gen­de zeig­te, jedoch eine rea­le Kehr­sei­te, denn das Land war jen­seits der klei­nen Kreis­städ­te und der Her­ren­häu­ser von bit­te­rer Armut der Dorf­be­völ­ke­rung geprägt und schien von außen betrach­tet nicht ohne Grund auch »am Ran­de« der Zivi­li­sa­ti­on zu liegen.

Unter die­ser Vor­aus­set­zung wur­de rasch ver­steh­bar, war­um die Kaschub­ei – im Unter­schied zu ande­ren Regio­nen, die lite­ra­risch längst erschlos­sen waren – erst mit Gün­ter Grass und sei­ner Blech­trom­mel wirk­li­chen Ein­zug in das kul­tu­rel­le Gedächt­nis hal­ten konn­te: als Hei­mat jener Men­schen, die »nicht rich­tig pol­nisch und nicht rich­tig deutsch genug« waren und des­halb stets »den Kopf hin­hal­ten« muss­ten. Beim genaue­ren Hin­se­hen öff­ne­te Peter Oli­ver Loew als sub­ti­ler Ken­ner der regio­na­len Lite­ra­tur sowie des Schrift­tums aller­dings die Per­spek­ti­ve auch auf wei­te­re Erzäh­lun­gen und Moti­ve aus jenem Mär­chen­land und ver­moch­te dar­aus plau­si­bel abzu­lei­ten, dass die Kaschub­ei – zumin­dest für Dan­zig – gar nicht »am Ran­de von allem lag«, son­dern immer schon so etwas wie eine Herz-​​Region für die Dan­zi­ger bil­de­te, die stets reich an Geschich­te und Geschich­ten gewe­sen ist.

Einen zen­tra­len Aspekt der kaschu­bi­schen Kul­tur in der Gegen­wart griff Adri­an Wojt­a­szew­ski (Dan­zig) auf: Er ging der Fra­ge nach, ob bzw. in wel­chem Maße »Die kaschu­bi­sche Land­schaft, die Volks­kunst, die Mythen, Sym­bo­le und Riten im Sog von Stan­dar­di­sie­rung und Kom­mer­zia­li­sie­rung« unter­zu­ge­hen droht. Anhand kon­kre­ter Bei­spie­le erläu­ter­te der Refe­rent den Pro­zess, durch den Res­sour­cen der Volks­kul­tur zu Bestand­tei­len der Tou­ris­mus­in­dus­trie wer­den. Nach Kri­te­ri­en der Attrak­ti­vi­tät oder Wett­be­werbsf ähig­keit gerät die eins­ti­ge Volks­kul­tur in ein Sys­tem von »Fil­tern«, die sie den Bedürf­nis­sen des Mark­tes anpas­sen. Dadurch erschei­nen sie ihre Vita­li­tät all­mäh­lich zu ver­lie­ren und wan­deln sich zu stan­dar­di­sier­ten, aus­tausch­ba­ren Phä­no­me­nen, die als Reflex einer als »authen­tisch« vor­ge­stell­ten Ver­gan­gen­heit nost­al­gi­sche Emp­fin­dun­gen aus­zu­lö­sen vermögen.

Im Gegen­satz zu die­sem Inter­pre­ta­ti­ons­rah­men, der aus kul­tur­kri­ti­schen Dis­kur­sen durch­aus ver­traut ist, ging der Refe­rent auch auf die nicht min­der ein­leuch­ten­de Gegen­po­si­ti­on ein; denn die Ver­wer­tung der Volks­kul­tur im Rah­men von tou­ris­ti­schen Ange­bo­ten ermög­licht para­do­xer­wei­se doch gera­de auch deren Bewah­rung und trägt zum Schutz des kul­tu­rel­len Erbes bei. In vie­len Regio­nen wären Tra­di­tio­nen ohne das Inter­es­se bzw. die Nach­fra­ge von außen ver­mut­lich schon in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Die im Vor­trags­the­ma gestell­te Fra­ge bedarf somit, wie Adri­an Wojt­a­szew­ski an Bei­spie­len aus dem Kreis Kart­haus erläu­ter­te, stets gra­du­ell dif­fe­ren­zie­ren­der Ant­wor­ten, bei denen über­dies wei­te­re Fak­to­ren wie die Spe­zi­fik der jewei­li­gen kul­tu­rel­len Prak­ti­ken oder die Leis­tungsf ähig­keit eigen­stän­di­ger künst­le­ri­scher Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen zu berück­sich­ti­gen sind.

Den Schluss­punkt der Vor­trags­rei­he setz­te Prof. Dr. Bet­ti­na Schlü­ter (Bonn), die das bis­lang letz­te Sta­di­um jenes Weges nach­zeich­ne­te, auf dem die Kaschub­en seit der poli­ti­schen Wen­de der Jah­re 1989 /​​ 90 einen rela­tiv gesi­cher­ten Autonomie-​​Status erreicht haben. Die­se Aus­füh­run­gen stell­te sie unter das The­ma »Zwi­schen ›regio­na­ler Sprach­ge­mein­schaft‹ und ›Min­der­heit‹ – die ›Iden­ti­tät‹ der Kaschub­en in der Gegen­wart«. Vor dem Hin­ter­grund der ent­spre­chen­den Europarat-​​Beschlüsse zu den Regional- oder Min­der­hei­ten­spra­chen (1992) bzw. zum Schutz natio­na­ler Min­der­hei­ten (1995) erläu­ter­te sie, wie durch die Ent­wick­lun­gen auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne, vor allem aber auch durch die Ver­trags­wer­ke der ­Euro­päi­schen Uni­on, für die Kaschub­en als Volks­ge­mein­schaft Rah­men­be­din­gun­gen ent­stan­den sind, die regio­na­le Iden­ti­tä­ten gezielt för­dern und damit die vielf älti­gen Bemü­hun­gen der vor­an­ge­hen­den Jahr­zehn­te, eige­ne Tra­di­tio­nen zu erhal­ten, nun unter­stüt­zend aufgreifen. 

Als im Janu­ar 2005 dann ein wesent­li­ches Ziel erreicht war – als die Kaschub­en per Gesetz als »regio­na­le Sprach­ge­mein­schaft« aner­kannt wur­den –, ließ sich nach dem Urteil der Refe­ren­tin zudem erken­nen, wie vie­le Vor­aus­set­zun­gen die Kaschub­en selbst von sich aus mit­ge­bracht hat­ten, um jene neu­en Gestal­tungs­spiel­räu­me, die ja zunächst nur Optio­nen gewe­sen sind, nut­zen und fül­len zu kön­nen – und um vor allem auch Kon­flik­te nach eige­nen Kräf­ten zu ver­mei­den. Eine wesent­li­che Grund­vor­aus­set­zung hier­für ist es, dass sich die Kaschub­en, wie die Ergeb­nis­se der Volks­be­fra­gun­gen von 2011 und 2021 ver­deut­li­chen, in ihrem Selbst­ver­ständ­nis zwar als eige­ne Gemein­schaft begrei­fen, sich zugleich aber im Sin­ne einer dop­pel­ten, poly­va­len­ten Iden­ti­tät in ihrer gro­ßen Mehr­heit auch als pol­ni­sche Staats­bür­ger verstehen. 

Die The­ma­tik des Kon­gres­ses hat­te es nahe­ge­legt, auch in die­sem Jahr eine Exkur­si­on in das West­preu­ßi­sche Lan­des­mu­se­um ein­zu­pla­nen; denn dort wird schon seit län­ge­rer Zeit das Kon­zept einer »Inter­ven­ti­on« ent­wi­ckelt, durch die die kaschu­bi­sche Abtei­lung der Dau­er­aus­stel­lung von Grund auf neu­ge­stal­tet wer­den soll. Zum Ende des Pro­gramms am Sams­tag­vor­mit­tag führ­te des­halb der Muse­ums­lei­ter Mar­tin Kosch­ny M. A. (Waren­dorf) im Rah­men eines Work­shops in die museo­lo­gi­sche Pro­ble­ma­tik ein, indem er zunächst die Zie­le der Ver­än­de­run­gen erläu­ter­te, Über­le­gun­gen hin­sicht­lich ver­schie­de­ner The­men­fel­der ver­tief­te, sich mit den Anwe­sen­den über mög­li­che Prio­ri­tä­ten der ein­zel­nen Berei­che beriet und schließ­lich eine Online-​​Plattform vor­be­rei­te­te, auf der die Kongress-​​Teilnehmer sich zukünf­tig an den Arbei­ten des Muse­ums betei­li­gen und den Dia­log fort­füh­ren können. 


In der Abschluss­dis­kus­si­on tra­ten die vielf älti­gen Aspek­te der in den drei Tagen dis­ku­tier­ten Zugän­ge noch ein­mal deut­lich her­vor. Dabei zeig­te sich erneut, dass die Volks­grup­pe der Kaschub­en kon­sti­tu­tiv zum kul­tu­rel­len Erbe West­preu­ßens gehört, his­to­risch als eige­ne Kraft im Wech­sel­spiel der Eth­ni­en, Reli­gio­nen und Natio-​​nalitäten wahr­ge­nom­men wer­den muss und über­dies durch die Erfol­ge der Auto­no­mie­be­we­gung ein illus­tres Bei­spiel für die gro­ßen Chan­cen bil­det, die die Eini­gung Euro­pas Min­der­hei­ten bie­tet. In sei­nem Schluss­wort dank­te der Tagungs­lei­ter allen Refe­ren­tin­nen sowie Refe­ren­ten und dar­über hin­aus dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern und für Hei­mat, das den Kon­gress durch sei­ne groß­zü­gi­ge finan­zi­el­le För­de­rung ermög­licht hatte. 

Til­man Asmus Fischer